Definition Jazz

Diesen Berg schaffe ich nicht alleine. Allerdings ist es immens wichtig, sich genau darüber Gedanken zu machen: Was ist Jazz? Denn wenn wir selber nicht wissen, wie wir unsere Musik beschreiben sollen, dann werden wir es immer wieder sehr schwer haben, anderen dies zu erklären – und das ist leider notwendig.

Wenn man Geld von der Politik fordert, dann fragt die Politik mit Recht: „Was ist das denn überhaupt, Jazz?“ Und dann kann man nicht mit einem sentimentalen „Das kann man nicht beschreiben, das muß man fühlen“ kommen. Das trifft zwar (wie für jede Kunst) den Kern, ist aber nicht vermittelbar für jemanden, der es nicht kennt.

Außerdem ist es umso wichtiger, daß man sich in Zeiten einer totalen Verwurstung aller Einflüsse, Traditionen und Stile über einen roten Faden Gedanken macht, an dem sich der geneigte Hörer durch den Djungel der Beliebigkeit hangeln kann. Denn wichtig vor allem ist es die zu überzeugen, die noch nicht wissen, daß es Jazz gibt.

Im Gegensatz zur weit verbreiteten Meinung, daß eine stilistische Einordnung heute keine Rolle mehr spielt, bin ich der exakt gegenteiligen Auffassung. Bei iTunes gibt es derzeit 48 Musikgenres mit rund 100 Subkategorien. Bei CDBaby sind es 22 Hauptkategorien mit allein 52 Subgenres… Wenn man sich dort „falsch“ einsortiert, segelt man unter Umständen Kilometerweit an seinen Rezipienten vorbei.

Der langen Rede kurzer Sinn. Ich suche hier nach möglichst kurzen, möglichst umfassenden Definitionen bzw. Beschreibungen des Jazz. Wer Lust hat, bitte helft mit!

Meine erste, sehr rauhe Version lautet:

Rhythmischer Experimentierkasten, der von musikalisch universell bewanderten und instrumentalisch ehrgeizigen Musikern ohne Rücksicht auf Normen mit Bezug auf eine breite Musikgeschichte gemacht wird.

Bitte, Ihr seid dran…

Nachtrag: Sebastian Corrinth hat mich auf folgenden link gestoßen, der meiner Meinung nach einige wichtige Sätze enthält – allerdings auch einen ziemlich traditionellen Unterton:

http://www.hansberndkittlaus.de/jazz_-_was_ist_das.htm

Hier ein paar Auszüge:

Die deutsche Jazz-Kritik hat sich mit der Undefiniertheit des Begriffs „Jazz“ arrangiert, ja, sie verteidigt diese teilweise engagiert. Sie hat damit dazu beigetragen, dass sich Marketing-Spezialisten seiner bemächtigt haben. Heute ist „Jazz“ der Name für ein Parfum (Yves Saint-Laurent), ein Auto (Honda) oder Software (IBM Rational). Offenbar besitzt das Wort eine erwünschte Aura von Nonkonformismus, intellektuellem Anspruch, Hipness, die sich umso besser zur Aufladung für andere Produkte nutzen lässt, je weniger scharf der Begriff „Jazz“ selbst definiert ist. Diese Marketing-Sicht dominiert auch große Teile der Musik-Industrie, d.h. die Major Labels und die Veranstalter vieler Jazz Festivals…

…Die Sängerin Nancy Wilson wollte lange Zeit nicht als Jazz Sängerin, sondern als „Song Stylist“ bezeichnet werden, u.a. um ihr Cross Over in den Pop-Markt nicht durch die Ablage in der Jazz-Schublade zu behindern…

…Alle unterstellen implizit ein gemeinsames Verständnis des Jazz-Begriffs, aber keiner wagt es, dieses Verständnis explizit und damit angreifbar zu machen, vermutlich aus dem unguten (und gerechtfertigten) Gefühl heraus, dass dieses gemeinsame Verständnis gar nicht vorhanden ist…

…Doch das Totschlagargument „Jazz-Polizei“ ist allgegenwärtig, mit dem jeder, der eine wie auch immer geartete Begriffsabgrenzung versucht, als engstirnig, gestrig und nicht hinreichend offen für neue Entwicklungen abgekanzelt wird. In Marketing-Material und CD-Rezensionen wird es gern als präventiver Erstschlag verwendet, d.h. bevor irgendjemand die Jazz-Zuordnung der jeweiligen Musik auch nur in Frage gestellt hat…

…Gibt es überhaupt ein Problem? Oder sind nicht alle Beteiligten mit der aktuellen Situation ganz glücklich? Ich meine, wir haben ein massives Problem. Die mangelnde Kategorisierung durch Sprache führt zu fehlender Orientierung und erschwert damit den Zugang neuer Hörer zu Musik bzw. Jazz-Musikern, die sie noch nicht kennen. Durch diese Undefiniertheit hat das Wort „Jazz“ seine Begrifflichkeit verloren (siehe Exkurs). Und durch ihre Verweigerung, ihrer sprachprägenden Rolle gerecht zu werden, verurteilen Jazz-Journalisten und -Wissenschaftler sich selbst zu Randfiguren, die keinen Anspruch mehr auf Deutungshoheit und Einflussnahme erheben…

Noch etwas: Selbst wenn wir hier zu keinem Ergebnis kommen (was wir nicht werden), so werden wenigsten einmal Gedanken angeregt, was Jazz sein könnte oder vielleicht definitiv nicht ist. Ich würde sagen Mötörhead ist definitiv kein Jazz, Cameo auch nicht, Steely Dan auch nicht, aber Esperanza Spaldings aktuelles Album ist bei iTunes in der Rubrik Jazz eingeordnet – ich finde, dort ist es definitiv falsch!

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