Gastbeiträge

Im Zuge meines zunehmenden Interesses an der Kommentierung von Medienmeinungen zu Jazz gibt es hier nun die Rubrik „Gastbeiträge“. Hier möchte ich ein kleines Forum bieten, für Leute, die wie ich die Berichterstattung über Jazz nicht einfach so stehen lassen mögen. Ich distanziere mich hier ausdrücklich vom Inhalt dieser Gastbeiträge und bitte darum, bei Fragen, Anregungen, Kritik, den jeweiligen Autor direkt zu kontaktieren.

Der erste Beitrag ist ein Leserbrief an den „Kölner Stadtanzeiger“ von Sonja Katharina Mross. Dieser Brief ging am 18.03.2012 an die Print- und Onlineredaktionen des Kölner Stadtanzeigers bzw. KSTA.de

Jazz ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt

In den letzten Monaten wurde viel über Jazz in Deutschland geschrieben. Es wurde die These aufgestellt, er hätte jegliche gesellschaftliche Relevanz verloren. Ich verstehe diesen Satz nicht. Ich bin generell kein Freund von allgemeingültigen, objektiven Wahrheiten. Sie entziehen sich mir. Deshalb kann ich sie auch nicht widerlegen. Zumindest nicht mit Zahlen, oder prominenten Beispielen. Gesellschaft hin oder her – in meinem Leben ist Jazz seit 4 Jahre von allergrößter Relevanz. Er ist – nach meiner Familie – das Wichtigste in meinem Leben. Und ich bin in den letzten Jahren von einer Menge Menschen umgeben gewesen, die diese Musik genauso intensiv wie ich leben, oder noch intensiver. Viele dieser Kollegen haben mich sehr beeindruck und mich auf die ein oder andere Art berührt. Wie das Menschen so an sich haben, ist jeder von ihnen sehr eigen, was sich in der Musik widerspiegelt. Deshalb hat Jazz so viele Gesichter wie es Musiker gibt, die ihn spielen.

Jazz ist: Romantisch, intellektuell, authentisch, aggressiv, innovativ, banal, kompliziert, intuitiv, imposant, nostalgisch, politisch, schön, anstrengend, regressiv, ästhetisch, laut, emotional, kitschig… dir, lieber Leser, fallen vermutlich noch weitere Adjektive zum Thema ein. Wie kann man also sagen „der Jazz ist“ so und so?! Es gibt nicht „den Jazz“! Das ist so, als würde man sagen „der Pop ist“ so und so. Oder „der Mensch ist“ so und so. Jeder Mensch ist, genau wie jeder Song, ein existierendes etwas, welches das Recht, aber nicht die Pflicht hat, einzigartig zu sein.

Wenn Jazz also ein so freier Raum ist, wie kann man ihn denn dann von anderen Genres unterscheiden? Das ist ein leidiges Thema. Ich glaube eine Definition, mit der alle beteiligten einverstanden sind, ist nicht erreichbar. Ich persönlich sehe es so: Jazz ist Musik, in der improvisiert wird.

Und das ist es auch, was ich so an ihm mag. Die Improvisation macht jedes Konzert zu einem bittersüßen Abenteuer. Bittersüß deshalb, weil die Musik, während sie geboren wird, gleichzeitig stirbt – einmal gespielt / gehört, ist sie für immer verloren. In jede Melodie fließen die Gefühle und Stimmungen aller Anwesenden, auch des Publikums, ein. Diese Konstellation kann nicht wiederholt werden. Jazz zelebriert also ganz nebenbei die Vergänglichkeit und Kostbarkeit von jedem Augenblick. Und deshalb möchte ich ihm, egal wie jung oder unbedeutend ich bin, mein Leben widmen.

Sonja Katharina Mross, Sängerin

http://www.da-coda-jazz.de/
http://sonjakatharinamross.de.tl/

Hier ein weiterer Leserbrief an den Kölner Stadtanzeiger von Anne Christine Heinrich vom 29.03.2012Leserbrief zum Artikel

„Bei Esperanza Spalding verschmelzen Jazz und Soul“
Von Werner Herpell, 21.03.12

Sehr geehrte Damen und Herren der Stadtanzeiger-Redaktion,

ich lebe nun seit 7 Jahren in Köln und kaufe mir regelmäßig den Stadtanzeiger oder lese Online nach.
Vor ein paar Tagen freute ich mich über den Artikel über Esperanza Spalding, der ihre neue Platte vorstellt.
Leider entdecke ich selten Artikel über Jazz und improvisierte Musik und vorallem über die hiesige Jazzszene. Köln ist in Deutschland neben Berlin die Jazz-Hochburg mit einer tollen Jazzabteilung an der Musikhochschule und einer großen Bandbreiten an Musikern der unterschiedlichsten Ausrichtungen des Jazz. Nahezu jeden Tag kann man in ein Jazz-Konzert gehen und die Musik live erleben. Leider sind die Besucherzahlen der Konzerte trotz privatorganisierter Werbung meist gering. Der Jazz braucht die mediale Aufmerksamkeit, damit Menschen, die nicht im direkten Umfeld von Musikern leben, auch die Chance haben, an dieser Kulturform teilzuhaben. Der Stadtgarten, das Loft, das Metronom und einige weitere Spielstätten bieten Raum für tolle Kultur, doch dieses Kulturangebot muss beworben werden.

Deshalb meine und bestimmt auch die Bitte vieler anderer Jazzinteressierter: Berichten sie auch über die lokale Szene, kündigen sie tolle Konzerte im Stadtgarten und Loft an, stellen sie lokale Jazzgrößen vor (Köln hat sie!!!). Der Jazz braucht die Zeitungen!

Am 30.04.2012 ist der „Internationale Tag des Jazz“, vielleicht ist das ja ein guter Grund dem Jazz an diesem Tag einen Spot zu geben!

Mit freundlichen Grüßen, Anne-Christine Heinrich

www.annechristineheinrich.com

2 Responses to Gastbeiträge

  1. Sepp

    Gregory Porter – warum trägt er diesen Hut?

    Tja, Hut ab vor Deinem Beitrag. Ich habe mich auch schon gefragt was es mit diesem Hut auf sich hat und bin beim Googeln auf diese Seite aufmerksam geworden.

    Zuerst dachte ich, der gute Gregory war vor kurzem beim Zahnarzt oder laboriert an einem Kieferbruch herum. Als er dann nach Wochen dieses Gebinde immer noch um sich herum gewickelt hatte, kam mir der Gedanke, dass er wohl versucht, sich mit diesem Look einen Minderheitenbonus zu erhaschen.

    Da kommen Assoziationen auf mit freundlichen afroamerikanischen Obdachlosen, die ihrem tristen Alltag und dem bösem Schicksal Stimme geben, indem sie, wegen der allgegenwärtigen Kälte (Klima + Gesellschaft) dick mit Lumpen verhüllt, auf der Strasse vor brennenden Ölfässern Tag und Nacht fröhlich singen und musizieren, bis sie eines Tages von einem zufällig vorbeifahrenden Musikproduzenten entdeckt und in ein besseres Leben geführt werden. American Dream halt.

    Hat hier wohl geklappt (zeigt auch der Anzug).

    Viele Grüße,
    Sepp

  2. Calo

    Da kritisiert der Autor den „jazzhut“ von Gregory Porter. Hat wahrscheinlich auch ein Problem mit Jamie Cullum. Und macht genau das was er „anderen“ vorwirft anstatt das zu tun was er selber fordert: „Sich auf die Musik zu konzentrieren“.

    Gestern (19-07-14) war ich in Wiesen und konnte Gregory Porter live „ERLEBEN“. Kein Mensch interessierte sich für seinen Hut. Im Jahr davor Jamie Cullum.
    Beides Konzerte auf höchstem Niveau.

    Gregory Porter ist ein fantastischer Sänger und Komponist. Die Band absolute Weltklasse. Jazz vom feinsten. Eins der besten Jazzkonzerte die ich in jüngerer Zeit erleben durfte. Also Hut vergessen und einfach genießen.

    P.S Ich bin froh das Dank dieser medialen Gimmicks das Genre Jazz und solch herrausragende Künstler wieder größere Aufmerksamkeit bekommen und feine Musik wieder einem breiteren Publikum und insbesondere auch den Jüngeren wieder Schmackhaft gemacht wird. Gimmicks hin oder her die Musik gewinnt an Verbreitung und eine Aufweichung konnte ich bei Gregory nicht feststellen. Das war Jazz pur. Und überhaupt Jazz war auch mal Pop 🙂

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