Gregory Porter – warum trägt er diesen Hut?

Gregory Porter – warum trägt er diesen Hut?

Das ist eine Frage, die mich gleich in zweierlei Hinsicht beschäftigt. Einerseits durchaus wörtlich, also in Bezug auf die Kopfbedeckung und andererseits in Bezug auf sein „Début in der Jazzwelt“, wie es schon so oft beschrieben wurde.

Warum interessiere ich mich überhaupt dafür?

Meiner Ansicht nach verschiebt sich die Vermarktung der Jazzmusik seit einigen Jahren stringent in Richtung Pop. Es geht nicht mehr hauptsächlich um die Musik, sondern um für das Publikum scheinbar so wichtige Schein-Eigenschaften, wie ‚Emotion‘, ‚Charisma‘, ‚Klischees‘ etc.

‚Schein‘ deshalb, weil diese Eigenschaften auf jeden Künstler beliebig zutreffen können – es muß nur jemand behaupten. Gregory Porter ist meiner Ansicht nach ein typischer Vertreter dieser neuen Jazzprodukte. Aber der Reihe nach…

Der Hut

Ich bin in die Falle getappt – ich habe mich von seinem Kinn-Bart-Hut neugierig machen lassen… dafür schäme ich mich ein bißchen. Nachdem ich die Scham überwunden hatte, machte ich mich auf die Suche nach Erklärungen. Hier einige davon:

It’s my jazz hat (laughs). It’s been my thing, it’s been how I’ve been pictured, and how I’ve been out in public for some time now, so this is me. In the tradition of the music, there have been some great hats, and I’m throwing my hat in the ring, no pun intended.

Gregory Porter Interview bei iCrates.com

Oder hier

He will be wearing his trademark cap. He jokes about the hat providing him „$2 million in endorsements,“ but quickly admits that is not true. The hat, which looks quite warm, is as „heavy as a T-shirt,“ he says, and is always with him simply because he likes it.

„It’s just bit of my personal stuff,“ he says.

triblive.com

Es scheint also so, als ob Porter diesen Hut einfach nur trägt, weil es seinen persönlichen Style von anderen abheben soll. Ein rein modischer Gimmick, so wie die bemalten Gesichter von Kiss, die Brillen von Elton John oder Madonnas Pyramiden-BH (man verzeihe mir den Rückgriff auf Altstars – ich werde auch nicht jünger). Genau dies ist aber der Punkt. Erinnern wir uns an die Hose von Coltrane, die Schuhe von Bill Evans oder die Brille von David Binney? Hat man sich in online-Foren schon ausgiebig genug über den Bart von Palle Danielsson oder die Frisur von Joe Lovano unterhalten? Dies war, soweit ich mich erinnern kann, selbst der Fachpresse, den Journalisten, Fans und Freaks bis vor einiger Zeit schlicht zu ‚doof‘ und aus gutem Grund der Popszene überlassen. Aus dem einfachen Grund, daß es dort zur Musik oft nicht so viel zu sagen gibt und es um Massenverträglichkeit gehen muß. Über die Eigenschaften von Massen will ich mich hier nicht weiter auslassen. In der Klassik gibt es ein paar ’schwarze Schafe‘, die sich mit der Konzentration auf solche Äußerlichkeiten allerdings auch wenig Freunde machen. Bleibt an diese Stelle kurz anzumerken, daß Glenn Goulds Stuhl zwar als schrulliges feature verkauft wurde, jedoch für den Künstler und damit für die Erschaffung von Musik einen tatsächlichen Sinn hatte.

Kurzum – in der Vergangenheit wurde in der Vermarktung von Jazz kaum auf dieses Pferd gesetzt – das hat sich nun geändert.

Die Journalisten

Aber warum soll der Mann keinen Hut tragen? Soll er, darf er. Die Frage, die ich hier Stelle, ist, warum ein solch profanes und überflüssiges Detail einer Künstlerpersönlichkeit auf einmal so interessant für die Presse wird? So interessant, daß sich Journalisten auf etablierten Plattformen sogar dazu hinreißen lassen, ungeprüft wirres Zeug zu erdichten – nur weil der Hut (und damit der Künstler?) noch interessanter wird.

Seine Fans rätseln im Internet, weshalb der stets in eleganten Anzügen auftretende Künstler nie seine Kopfbedeckung abnimmt. Es ist eine Art Strickschlauch, der Ohren und Hals verdeckt. Darüber trägt Porter eine Schirmmütze. Das ist kein exzentrischer Mode-Gag, sondern hat vermutlich einen medizinischen Sinn. Was immer es ist – die Gesangskunst des Mannes wurde nicht tangiert.

Spiegel Online

Ich habe kein Interview, keine Rezension, keine Konzertkritik gefunden, in der nicht mehr oder weniger umfangreich auf Porters Aussehen abgestellt wird.

Dressed in a dark suit and his customary dual headgear of stocking cap and black Kangol hat—the combination perfectly frames his round, espresso-tinted face and beard—Porter has a brawny physique that suggests a once-prized athlete.

jazztimes.com

Die Begeisterung für seinen Look, und vor allem den Hut, schafft es sogar bis zum ‚Fashion hero of the week‘ 

I love how he completes his quaint aesthetic by wearing a Rail Road hat used as a motif to distinguish himself from his contemporaries.

fashion156.com

‚Distinguish himself from his contemporaries‘ – aha. Wir kommen jetzt zu dem Teil, der mich ärgert: Mit einer solchen Konzentration auf musikalisch irrelevanten Details, mit der andauernden Beschäftigung damit in den Medien (und damit meine ich nicht nur Gregorys Hut) bekommen diese Dinge immer mehr Gewicht – bis es uns eines Tages nicht mehr wundert oder stört, daß sich ein Jazzmusiker vor allem dadurch von seinen Zeitgenossen unterscheidet, anders auszusehen.

Eine (für mich) sympathische Eigenschaft des Jazz war immer die Unabhängigkeit von Äußerlichkeiten. Für ‚uns‘ spielte immer die Musik die einzig wichtige Rolle – und das sehe ich durchaus als Stärke, und nicht als Schwäche, wie es ‚uns‘ Veranstalter, Labelchefs, und Journalisten weis machen wollen. Die Leute, die an den ökonomischen Hebeln der Zukunft des Genres sitzen verändert nahezu unbemerkt die Gewichtung und damit langfristig den Inhalt dieser Kunstform.

Schon heute erlebe ich junge Musiker, die mit Wollmütze im Studio sitzen. Mit einem Schal um den Hals, der beim Gitarre spielen stört (um dessen Position man sich während des Solo kümmern muß), Erstsemester an der Jazzabteilung einer Hochschule, die mehr mit Ihren Hüten, als mit der Musik beschäftigt sind. Miittelmäßig begnadete Musiker schaffen es, mit Hilfe Ihrer Redegewandtheit, ihres Looks oder ihrer vermeintlichen Exotik, für die Szene wichtige Schaltstellen zu überzeugen. Gut, das war schon immer so – aber mein Eindruck ist, daß es immer mehr hoffähig wird.

Der musikalische Hut

Ein Hut, ein Look, schön. Aber wo liegt das Problem? Es liegt darin, daß Leute wie Porter auch musikalische Hüte aufsetzen (lassen). In diesem Fall den Jazz Hut. Aber warum? Warum ist Gregory Porter auf einmal Teil der Jazzszene? Warum ein neuer Star am Vokaljazz-Himmel?

Wahrscheinlich hat Gregory Porter die schönste Stimme des Jazz.

jazzthing

Was macht er denn da eigentlich? Ich habe mir einige seiner tracks angehört – hätte ich vorher nicht eingetrichtert bekommen, daß es sich hier um einen neuen Jazzkünstler handelt, hätte ich seine Musik ungefähr so beschrieben:

Durchaus typischer schwarzer Soul á la Marvin Gaye oder Pop á la Stevie Wonder. 70er Jahre. Die Rhythmusgruppe erfüllt Ihren Job. Unplugged. Ab und zu darf mal ein durchschnittlicher Solist ‚ran‘. Immer schön in der traditionellen Songform. Gut gemachte Popmusik. Black Singer Songwriter.

Warum also Jazz? Warum Teil der Jazzszene? Ziemlich viele Leute an entscheidenden Stelle müssen so etwas denken, wie ‚endlich mal einer der einfach schöne Musik macht‘ oder ‚endlich mal einer, der nicht rumdudelt‘ oder ‚endlich mal einer, der nicht versucht, Kunst zu machen.‘

Den promoten wird jetzt im Jazz… und keiner beschwert sich. Da werden in der Presse die ältesten, abgelutschsten, inhaltslosesten Phrase aufgekocht, um es irgendwie zurecht zu biegen:

Porter schreibt eigene Songs, Geschichten aus dem Alltag, Gefühlslagen, die er an sich und anderen beobachtet. Das sind Wanderungen durch seine Welt, die Welt eines Afro-Amerikaners, der in Bakersfield, Kalifornien, geboren wurde und heute im New Yorker Stadtteil Brooklyn lebt. Seine Streifzüge durch Harlem, wo in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die Künstler der Harlem Renaissance und des Jazz residierten, inspirieren ihn genauso wie scheinbar banale Auseinandersetzungen von Eltern und Kindern auf der Straße, die er beobachtet. „Meine Musik wurzelt in der afro-amerikanischen Kultur und in der schwarzen Gospelkirche“, sagt Porter. „Be Good“ gibt er den Hörern mit auf den Weg und wird mit dieser Aufforderung selbst zum Priester.

NDR info

Und wo bitte ist der schwarze Sänger, dessen Musik nicht im Gospel wurzelt? Wer schreibt keine Geschichten aus dem Alltag? Müssen nicht alle Jazzmusiker aus New York kommen (am besten Brooklyn). Und ja – ich bin auch schon von Streifzügen durch Harlem inspiriert worden. Scheinbar banal? Nein – das ist banal – und trifft auf jeden zu; wäre da nicht der Hut.

Und nein, ich will Porter nicht seine schöne Stimme absprechen! Aber bitte, Journalisten, was ist los mit Euch? Spielt es keine Rolle mehr, daß selbst seine Bands (zumindest die, die ich hören konnte) mittelmäßig sind? Jazz? Was passiert denn da? Interaktion? Eigenständige, interessante Solisten?

Gregory Porter hat sein Herz an den Jazz verloren. „Ich mag die Freiheit, die er bietet“, erklärt er die Wahl seines Lieblingsgenres. „Im Pop musst du einer Melodie treu bleiben. Im Jazz wirst du beinahe gezwungen, sie zu formen. Das entspricht meiner Persönlichkeit. Ich will es einfach jedes Mal ein bisschen anders machen.“

Interview bei www.laut.de

Im Jazz wird man beinahe dazu gezwungen eine Melodie zu formen? In der Pomusik muß man ihr treu bleiben? Was für inhaltsleere Binsenweisheiten.

Für alle, die sich schon lange aktiv oder passiv mit der Vielfalt der Jazzmusik beschäftigen:

https://www.youtube.com/watch?v=ij6n9NpOTZE Lupenreines, mittelmäßig geschludertes Musical-Begleitpiano mit Soul-Broadway Geschmetter.

https://www.youtube.com/watch?v=xpgcvk5qbJU holpriger Drumgroove, mittelmäßiges Bläserarrangement (schlecht gespielt) – Hätte das eine gute Studio-Funkband aus den 70ern richtig groovy eingespielt, dann wäre es vermutlich eine durchschnittliche Funk-Nummer geworden. Aber Jazz? Einer der neuen, großen Sänger im Jazz? Wie bitte? Eine mittelschlecht gemachtes Derivat.

https://www.youtube.com/watch?v=9HvpIgHBSdo ‚What a wonderful world‘ Neuauflage… Nur mit dem Unterschied, das Louis Armstrong einiges mehr drauf hatte, als nur eine Produzentenidee aufzunehmen (Tony Bennett lehnte es z.B. ab). Aber in 2012? Neu? Ein hübsch gemachter unplugged song. Nicht mehr, nicht weniger.

https://www.youtube.com/watch?v=PNwfUanmihY Motown Groove mit verstimmtem Altsaxophon. Platter Text, billiges Arrangement. Dazu der passende Gesang. Aber Jazz? Weil ein Saxophon dabei ist?

Wer solche Musik gut findet (ich zum Beispiel) der sollte einmal folgende Bands anhören (kurzer brainstorm):

  • Average White Band
  • Blood Sweat & Tears
  • Cameo
  • Ohio Players
  • Tower of Power
  • Mandrill
  • etc..

Das ist besser aufgenommen, besser arrangiert und mindestens genauso gut (aber knackiger) gespielt . Und das schönste: Man muß nicht Jazz dazu sagen.

Die kritischen Pfeile, die hier abgeschossen wurden, zielen jedoch vor allem nicht auf Porter, sondern auf dessen Vermarktung im Jazzbereich. Sie zielen eher auf die Öffentlichkeitsgestalter der Jazzszene, die offenbar irgendwie von Jazz genervt sein müssen, um Porter und seine Kollegen so zu verkaufen.

Wenn sich Porter mit besseren Musikern umgäbe, ein wenig mehr Gedanken an die Arrangements verschwenden würde, simpelste formale Gestaltung aufbräche, mehr Interaktion zwischen den Musikern ermöglichte, und vielleicht nicht jedes (aber wirklich jedes) Soul-Gesangs-Klischee bediente, könnte selbst ich mir vorstellen, daß diese Musik etwas mit Jazz zu tun hat.

Aber dann ist da ja noch der Hut.

 http://www.youtube.com/watch?v=SA5wtqBC6e8

Edit:

Heute morgen (22.01.14) erreichte mich der geschätzte Newsletter des dt. Jazzinsituts in Darmstadt. Darin heißt es:

James Thornhill spricht mit dem Sänger Gregory Porter über seine Karriere zwischen Jazz, Gospel und Soul, über Ratschläge, die ihm seine Mutter fürs Singen mit auf den Weg gab, darüber, dass er in seinen Liedern möglichst das Positive hervorheben wolle, sowie darüber, was es mit seinem Hut auf sich habe ( The National Student ).
Und tatsächlich:
„…Instantly recognisable because of his trademark “jazz hat”…“
„…“It’s me. It’s my hat, my style, my thing. It’s part of my skin. I do get recognised in airports, if people have only caught a glimpse of me on some late night television show, they are like “I know you, you do something”. They haven’t figured it all out but they know….“

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