Hans Zimmer, the market and Jazz

Durch einen Hinweis von Paul Shigihara (Gitarrist der WDR Big Band) auf facebook (ja, facebook kann interessant sein) bin ich auf eine Art Glosse, Lobgesang, Rehabilitation oder Hinweis gestoßen, der sich mit den Fähigkeiten des amerikanischen Filmkomponisten Hans Zimmer auseinandersetzt. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, warum der Text erstellt wurde, oder was der Autor wirklich damit bezweckt: Aufklärung? Hilfe? Dampf ablassen? Daher fällt es mir auch schwer, diesen Text ‚Artikel‘ oder ‚Kommentar‘ zu nennen.

Wer Zimmer noch nicht kennt, kann sich hier kurz einlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Zimmer

Der Text aus Juli 2013 wurde von Michael Levine verfasst, ebenfalls Komponist, Filmkomponist und Geiger, der offenbar seit vielen Jahren mit und für Hans Zimmer arbeitet.

Hier findet man das Original: Why Hans Zimmer got the job you wanted (and you didn’t)

Zuerst einmal hat mich dieser Text nicht nur interessiert weil ich Hans Zimmers Musik aus unzähligen Filmen kenne, sondern auch weil ich schon viele ’stories‘ über seine anscheinende Unfähigkeit als Musiker gehört habe. Wenn man sich unter Musikern über Hollywoods Filmkomponisten unterhält, kommt Hans Zimmer tatsächlich ziemlich schlecht weg. Die üblichen Vorwürfe werden auch im ersten Absatz des Artikels genannt:

Hans doesn’t really write his own music. The studios only give him work because he’s famous. He’s not a real musician. He just gets his clients drunk and all the work is done by guys in the back room. And so forth.

The underlying implication is that this underhanded semi-musician has Hollywood in his thrall due to Svengali like powers and maybe, someday, they’ll wake up and hire a “real” composer – like whoever is whispering to me.

Ich muß gestehen, dass ich auch zu dieser Gruppe von Besserwissern gehörte – einerseits befeuert durch o.g. ’stories‘, andererseits aber auch durch das tatsächliche ‚Erleben‘ der Zimmer’schen Filmmusik. An dieser Stelle benutze ich ausdrücklich den Begriff ‚Erleben‚ und nicht ‚Hören‚ – aber dazu später mehr.

Erst neulich wurde meine Urteile und Vorurteile gegenüber Zimmer bestätigt… und zwar durch ein Werbevideo für ein neuartiges Eingabegerät für Computermusiker, dem ‚Seaboard‘. Das Video dazu gibt es hier: Seaboard auf youtube

Ich finde den Text von Michael Levine nun nicht bemerkenswert weil er offensichtlich von jemandem verfasst wurde, der direkt mit und von Hans Zimmer lebt, sondern insofern relevant, weil er (un)bewusst zwei grundsätzliche Themen vermischt, die man meiner Ansicht immer auseinanderhalten sollte:

1. Musik, Kunst, immaterieller ‚Wert‘

2. Markt, Geschäft, ökonomischer Erfolg, materieller Wert

Eine Vermischung, die mir inzwischen fast täglich auffällt, und zwar in allen Bereichen des Lebens, nicht nur in der Musik. Ich möchte an dieser Stelle betonen, daß es mir überhaupt nicht um eine Verteufelung des Kapitalismus oder des westlichen Wohlstands geht (das wäre ein ganz anderes Thema)  – mir geht es um die allseits grassierende Undeutlichkeit, wenn es um die Bewertung immaterieller Inhalte geht.

Als Antwort auf die o.g. Vorwürfe gegen Zimmer führt der Autor z.B. folgende ‚Richtigstellungen‘ an:

He has an extraordinary sense of what will work – Hans is an outstanding dramatist – challenging the limits of what is acceptable in our medium – Hans Zimmer works very, very hard – Hans usually arrives at the studio at 11 am and then works until 3 or 4 in the morning. 7 days a week. For months – at some point, he stops shaving – his knowledge of academic theory is, by intention, limited – Hans knows what he needs to know to make it sound great – Hans works with great people, Take a look at the composers who have worked for Hans – Hans is acutely aware of the presentational aspect of our business – At dinner, he serves his guests fine wine – Look at what happened to Howard Shore on King Kong, […] they were fired because the studio or director lost faith that they could shift direction quickly enough once their original approach was rejected. In 150+ films this has never happened to Hans.

Der aufmerksame Leser wird feststellen, daß sich ein Großteil der o.g. Lobeshymnen gänzlich auf den zweiten Themenbereich (Business, Markt, Verkauf, Geldgeber, etc.) bezieht, die Kritik an Hans Zimmer aber größtenteils auf den ersten Themenbereich abzielt (Inhalt, Musik). Der Autor selbst beschreibt dies schon ganz am Anfang seines Texts:

No other composer seems to stir up this kind of fire – I never hear people say, “Yeah, that John Williams only writes 12-line sketches and it’s up to his orchestrators to make it into real music!”

Korrekt. John Williams wird selten für seine mangelnden Fähigkeiten als Musiker kritisiert, für seine flachen Kompositionen, die ’nur‘ auf Monstersound beruhen. Kein Mensch sagt, daß John Williams nichts ‚drauf‘ hat. Das erste, was einem bei John Williams einfällt, ist nicht die Menge an Geld, die er generiert, oder die Anzahl der Leute, die für ihn arbeiten, oder die Innenarchitektur seines Studios. John Williams‘ Kompositionen haben einen musikalischen ‚Wert‘, der jenseits von ökonomischem Erfolg liegt – was nicht bedeutet, daß Williams weniger erfolgreich im Markt wäre als Zimmer. Ich denke, die Kritik an Zimmer geht eher in Richtung ‚content‘, als in Richtung ‚market‘. Man kann sich weniger vorstellen, einen Abend lang ‚best of Hans Zimmer‘ in der Philharmonie Köln zu hören.

Es ist geradezu typisch für unsere Zeit, daß auf Kritik am Inhalt mit Verteidigung durch ökonomischen Erfolg reagiert wird – eine schlimme Verquickung zweier (eigentlich) unabhängiger Bereiche – und keiner beschwert sich oder bemerkt, daß hier etwas nicht stimmt. Im Gegenteil: Unbesonnen lassen sich selbst geübte, sonst scharfsinnige ‚Diskutatoren‘ auf Auseinandersetzungen ein, die eigentlich völlig aneinander vorbei gehen. Es ist anscheinend nicht mehr en vogue Inhalt und Markt zu trennen.

Die Reaktion auf Kritik am musikalischen Inhalt des Zimmerschen Werks treibt hier mitunter seltsame Blüten:

Hans is a so-so pianist and guitarist and his knowledge of academic theory is, by intention, limited…

By intention limited? Kaum zu glauben, daß jemand so etwas zur Verteidigung eines Komponisten ins Feld führt. Meiner Ansicht nach ist es tatsächlich irrelevant, inwiefern jemand theoretisch (oder praktisch) ausgebildet ist. Daß jemand, der sich ernsthaft mit Komposition auseinandersetzt sich jedoch absichtlich von musikalische-theorethischer Bildung fernhält, ist entweder absurd oder selbstgefällig. Ich denke nicht, daß Zimmers Musik darunter gelitten hätte, wenn er einen Einblick in 12-Ton Technik, spätromantische Harmonik oder Barocker Fugentechnik gehabt hätte. Ich denke viel eher, daß Zimmer aus welchen Gründen auch immer (Spekulationen helfen hier nicht weiter) die tiefere Beschäftigung mit seinen Instrumenten und der Theorie für unnötig hielt – was völlig legitim ist.

Dass Zimmers Musik im Filmkontext ‚funktioniert‘ ist wenig streitbar, sie hilft der Dramaturgie der Filme – aber darum geht es den Kritikern glaube ich nicht, denn eine rein ‚dramatische‘ und ‚dienliche‘ Betrachtung von Musik oder Komposition ist meiner Ansicht nach viel zu eng gefasst. Ich bin der Überzeugung, daß ein talentierter Sounddesigner einen blockbuster genauso gut ‚dramatisieren‘ könnte, wie ein Komponist – das hätte jedoch unter Umständen wenig mit Musik zu tun.

Ich möchte mich eigentlich auch gar nicht in den Chor einreihen, dem Zimmer ‚zu flach‘ ist und die sich darüber lustig machen, daß er nur ein paar Mollakkorde auf einem Gummikeyboard drücken kann. Genausowenig möchte ich John Williams als den Filmkomponisten hochstilisieren, nur weil er vor lauter Zwischendominanten nicht mehr weiß, wo er eigentlich ist.

Mir geht es nur um die gefährliche Vermischung von ‚business‘ und ‚content‘ im Diskurs. Und darum wie weit verbreitet diese Ungenauigkeit ist – und zwar selbst in Organisationen (Kulturpolitik!), die sich den Erhalt und die Förderung von Kultur auf die Fahnen schreiben – Ich beobachte eine gewisse Faulheit, sich mit ‚content‘ auseinanderzusetzen.

Diese Faulheit führt mittelfristig zu Monokultur und Verlust von Vielfalt und Qualität. Und Vielfalt und Qualität sind die Nahrung künftiger Generationen von ‚Künstlern‘. Vom kommerziellen Erfolg ihrer Vorgänger kann die nachwachsende Generation nichts lernen, außer wie man Geld generiert.

Schaut man sich in der Kulturszene um, so sehe ich, daß

  • immer weniger Künstler immer mehr Aufmerksamkeit bekommen
  • immer mehr Künstler, ihren kommerziellen Erfolg in inhaltlichen Erfolg umdeuten
  • immer mehr Medien und Professionelle außerhalb des Kunstbetriebs (Journalisten, Veranstalter, Produzenten, etc.) den Unterschied zwischen Erfolg und Erfolg nicht mehr trennen.
  • immer mehr Preise and bewährte Preisträger vergeben werden
  • immer mehr Medien voneinander abschreiben und über Bewährtes berichten
  • Verlässlichkeit gegenüber Vielfalt siegt
  • die Kulturpolitik (deren Vertreter selten wirklich Ahnung von der Materie haben) sich auf genau dieses Bewährte stürz
  • Künstler selbst den Unterschied zwischen content und Markt nicht mehr erkennen

Und, was hat Hans Zimmer mit Jazz zu tun? Nun, glaubt man den gut laufenden Veranstaltungen der Jazzszene, dann gibt es in Deutschland eigentlich nur eine Hand voll nennenswerter Ensembles und Solisten. Glaubt man den Medien, glaubt man der Kulturpolitik, das selbe.

Diversität scheint zu anstrengend zu werden. Zu suchen und zu finden scheint zu anstrengend zu werden – da verlässt man sich lieber auf eine einfache Formel: Wer Erfolg hat, hat Recht.

Bis hierhin könnte ich damit leben – leider jedoch wird das Erfolg und ‚Recht‚ haben mit content verwechselt. Schon jetzt beobachte ich das Heranwachsen eine leichtgläubigen Generation, die sich nicht mehr die Mühe macht, zu unterscheiden. Es wird kopiert, was gerade gut läuft. Es wird nicht kopiert, was interessanten, abenteuerlichen oder anregenden content hat. 

An dieser Stelle nochmals: Ich kritisiere nicht den kommerziellen Erfolg, genauso wenig wie ich das Erfüllen eines musikalischen Wissens- oder Virtuositätskatalogs hochhalte. Ich möchte hier lediglich für die vom Erfolg abgekoppelte Betrachtung von immateriellem content plädieren.

Vor diesem Hintergrund ist übrigens das Thema ‚crowd-funding‘ ein ganz besonderes Desaster.

Also:  Why Hans Zimmer got the job you wanted (and you didn’t): because he knows what to deliver to people whose only interest is the economic success of their product. No more, no less.

Ich denke aber mal, daß dies nicht der Grund sein dürfte, warum junge Nachwuchskomponisten nach L.A. ziehen, um dort Filmmusik zu machen. Als Banker (Immobilienmakler oder Krimineller) kann man mit weit weniger Schmerz in kürzerer Zeit Erfolg haben.

Um seine eigene Position als Künstler zu bestimmen, sollte man sich folgendes Fragen:

Was ist mir als Jazz-Pianist wichtiger: Anerkennung von Bill Evans, oder von der Finanzabteilung der Plattenfirma?

Was ist mir als Maler wichtiger: Anerkennung von Pablo Picasso, oder von der Finanzabteilung der Galerie?

Wenn man diese Fragen ehrlich beantwortet und mit seinem aktuellen Weg vergleicht, kann man wieder zu einer Trennung von Erfolg und Erfolg zurückfinden. Bliebe da nur noch das Problem der wachsenden Monokultur in der ‚Kulturverwaltung‘. Aber auch diese Menschen könnten sich eine ähnliche Frage stellen – wenn sie denn wollten. Aber das kann mitunter weh tun und Schmerz auszuhalten ist nicht gerade en vogue.

 

P.S.: John Williams war mal Jazz-Pianist…

 

 

 

 

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