Lieber Michael…

… lieber Michael Wollny. Ich habe Dein Interview in der „Welt gelesen“ und möchte dazu an dieser Stelle doch noch ein paar Fragen stellen:

Nebenbei will man auch zwei sich widersprechende Sachen beweisen, dass wir also sowohl lebendig als auch förderungswürdig sind.

Michael, daß etwas „lebendig“ ist, heißt erst einmal nur, daß es noch nicht tot ist. Wenn die Musiker, die den Jazz lebendig halten dies auch noch morgen tun sollen, anstatt sich einen Bürojob zu suchen, dann sollte man fördern. Ist denn die Klassikszene lebendig? Wird sie gefördert? Was ist mit der neuen Musik? Würde die noch lebendig sein, würde sie nicht gefördert? Ich glaube, diesen Einwand hast Du nicht ganz durchdacht.

Aber möglicherweise gelten Jazzmusiker per se als ein bisschen neurotisch. Was an Sätzen liegt, die man oft von ihnen hört wie „Ich mach Jazz, aber es ist gar nicht SOO ein Jazz“. Vielleicht liegt da auch ein Problem.

Ich habe diesen Satz bislang nur von Leuten gehört, die keinen „Jazz“ (mehr) machen. Von daher sehe ich da auch kein Problem. Wann hast Du denn diesen Satz zum letzten Mal von wem gehört?

Gleichzeitig ist klar, dass man als Band nicht von Anfang an vor ausverkauften Sälen spielen kann, inklusive Pop-Promotion und Klassik-Gagen. Es geht in dieser Musik aber auch nicht ausschließlich darum, das zu erreichen.

Klar ist das klar. Aber mal unter uns, Michael. Hättest Du nicht den „Förderer“ ACT gehabt, wärst Du nicht da, wo Du heute bist, Du würdest auch heute noch keine Klassik-Gagen bekommen. Hätte Dich Sigi Loch nicht „gefördert“ stünde es anders um Dich. Du hast Dich auch nicht „nach oben gespielt“, in dem Du erst einmal 150 Gigs für 50.- € pro Jahr gespielt hast um Dir damit ein Publikum zu erarbeiten. Deine Musik wurde auf einmal gehört, weil sie von jemandem ins Licht gehoben wurde – Du hattest Glück! ACT ist natürlich kein staatlicher Förderer, aber ein Förderer. Auch Du wurdest nicht vom „Markt“ gemacht, sondern durch handfeste Investitionen nach vorne gebracht. [Ich spreche hier ausdrücklich nicht über irgendwelche musikalischen Inhalte, nur über wirtschaftliche Zusammenhänge]

Ich sage ausdrücklich nicht, daß es Dich und Deine Projekte ohne ACT nicht gegeben hätte! Ich sage nur, daß sich Dir dann vielleicht einige Zusammenhänge anders darstellen würden.

Es geht doch auch um Energie und Glücksmomente, die man so im Mainstream nicht mehr findet. Deshalb funktioniert Jazz ja im kleinen Klub so gut, man sitzt da und schwitzt zusammen, und es sieht nicht immer gut aus, aber es ist da. Manche Musik ist eben nicht gemacht für riesige Hallen.

Michael, wenn Du keine Glücksmomente mehr in irgendeiner Stilistik findest (was ist denn „Mainstream“?), dann ist das eine Sache – aber bitte spreche an einer solch exponierten Stelle nicht für andere. „Deshalb“ funktioniert Jazz so gut in Klubs? Weshalb? Wegen der Energie und der Glücksmomente? Ist der Jazz im Club so gut, weil 100 Leute in einem großen Saal ziemlich leer aussehen würden – verwechselst Du nicht Ursache und Wirkung? Wird da nicht romantisiert?

Soll man sich als einzelner Musiker von einer öffentlichen Förderung, von Gremien oder Jurys abhängig machen?

Mach Dich doch mal spaßeshalber unabhängig von der offensiven PR und Pressearbeit von ACT und schaue dann, wo Du bist? Nochmals, nicht der Markt hat Dich gemacht, sonder ACT hat Dich auf den Markt gebracht – Du wurdest und wirst gefördert.

Jeder, der mit dieser Musik zu tun hat, hat ja so eine Art Evangelium. Was die Musik darf und was nicht. Eigentlich ist das eine Stärke, jeder hat eine eigene klare Meinung. Diese Energie sollte man eigentlich bündeln, aber man verwendet sie gerade gegeneinander.

Da gebe ich Dir Recht.

Aber in der Tat: Jazz meint zu viel Verschiedenes. Das ist super, jedoch problematisch, wenn man geschlossen etwas Politisches fordern möchte. Es kann sich immer jemand ausgeschlossen fühlen.

Es fühlt sich immer jemand ausgeschlossen. Aber wäre es nicht an der Zeit, dies als gegeben hinzunehmen und zumindest einmal diejenigen „auszuschließen“ (von was eigentlich?), die sich anbiedern und Ihre Musik verändern, um zu „gefallen“? Um auch ein Häppchen abzubekommen? Diejenigen gibt es in jeder Stilistik des Jazz – ich spreche nicht nur von Fahrstuhl-Jazz und Kaufhaus-Melodien. Ich spreche hier ganz sicher nicht von Dir 😉

Das Kapital der Jazzmusik ist ihre Echtheit und ihre Ehrlichkeit.

Aus lauter wirtschaftlicher Panik jedoch geben viele dieses Kapital auf, und ich finde man sollte dazu nicht länger schweigen und sagen „Ihr gehört alle zu uns“ – ich finde, diese Leute haben das sinkende Schiff verlassen, auf dem Sie immer sein wollten.

Viele Klubs und Jazzfestivals in Deutschland können doch von sich behaupten, erfolgreich zu sein. Das sind alles Institutionen, die über einen langen Zeitraum bewiesen haben, dass es nicht nötig ist, sich verstellen zu müssen.

Erfolgreich? In welcher Form? Wirtschaftlich oder inhaltlich? Leider muß ich Dir da widersprechen. Schaue Dir mal die Programme vieler Festivals und Clubs in Deutschland an: Dort kann man den „Druck“, Zugeständnisse zu machen und sich zu „verstellen“ förmlich ablesen. Wirtschaftliche Zwänge werden heute oft als „künstlerische Entscheidungen“ getarnt, um nicht gänzlich rückgratlos dazustehen.

Bei allen Generationen von Jazzmusikern geht die Blickrichtung immer nach vorne. Es geht eher darum, etwas zu finden, das noch nicht da war.

Ist das so? Ich glaube das ist ein gefährliches Missverständnis , das bei jungen Musikern oft dazu führt, zwanghaft nach etwas zu suchen „das noch nicht da war.“ Ich bin überzeugt davon, daß die großen künstlerischen Würfe im Jazz nicht auf Grund von „Suche nach vermeintlich Neuem“ gelungen sind – ich gehe viel mehr davon aus, daß die entscheidenden Künstler unserer und vergangener Zeiten einfach das machen, was sie „fühlen“. Dass dabei dann Musik entsteht, die „noch nicht da war“ ist eine logische Folge, denn der Künstler war vorher ja auch nicht da. Mag sein, daß man das als haarspalterisch abtut, ich finde jedoch daß dies ein wichtiger Punkt ist; vor allem in der Vermittlung von Jazz.

Die Tragödie ist nur, dass eine aufrichtige Haltung in der Mediokratie, in der wir leben, immer weniger gefragt ist. Sondern dieses vage Marktempfinden immer mehr alles durchsetzt.

Da gebe ich Dir Recht. Jedoch sorgen wir oft selbst dafür, z.B. in dem wir uns nicht klar positionieren.

Das Problem ist, dass oft versucht wird, in vorauseilendem Gehorsam das Publikum nicht zu enttäuschen. Mehr Mut zum Eckig-Kantigen und zum Moment, der uns schon zeigen wird, was passiert – das wäre eine Position, von der aus ich sagen würde, der Jazz hat Relevanz.

Michael, ich würde sagen, daß die o.g. Beschreibung auf Deine Musik zutrifft (die ich sehr schätze). Dein „Erfolg“ liegt darin begründet, daß Du die Chance bekommen hast, Deine Musik zu präsentieren und dadurch ein weiteres Publikum zu erreichen. Da draußen jedoch ist wie Du schon selbst sagst „junge, hippe, frische, eigenständige, zugängliche Musik unterwegs“, die nicht „gefördert“ wird. Deshalb würde ich mir von Dir wünschen, gedanklich ein bißchen mehr Abstand von Deiner Warte zu nehmen und zu versuchen, das Ganze zu sehen. Jazz funktioniert nicht (mehr) nach den „normalen“ Marktgesetzen – Du hattest das Glück, daß Dich eine Hand aus dem kleinen Teich der hippen und eigenständigen Musik gefischt hat um Dich in den großen Teich des Markts einzusetzen.

Darüber hinaus könnte der Jazz in Deutschland eine Alternative, sogar eine Gegenposition sein. Er müsste nicht am allgegenwärtigen Ausverkauf teilnehmen.

Damit er sich nicht ausverkaufen muß, braucht er Förderung.

Nachtrag:

Da öfter mal ungenau gelesen oder „hineingelesen“ wird, hänge ich hier gleich einmal ein paar Dementi an, sozusagen aus vorauseilendem Gehorsam…

  • ich schätze Michael sehr
  • ich schätze seine Musik und seine Beharrlichkeit
  • ich gönne und beglückwünsche Ihn zu seinem Erfolg
  • ich schätze die Arbeit von ACT und Sigi Loch, ohne dieses Label würde es einige gute Musik nicht geben – auch einige weniger gute 😉
  • ich mache hier keine Aussagen über musikalische Inhalte, sondern über ein Interview
  • ich unterstelle Michael weder, daß er sich anbiedert, noch daß er es ohne „ACT“ nicht irgendwie „geschafft“ hätte – ich bin mir nur nicht sicher, ob Michael sich all dieser Zusammenhänge bewußt ist.
  • ich sage nur meine persönliche Meinung zu diesem Interview

 

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