Neuer Deutscher Jazzpreis Mannheim – Neuer Deutscher „was…?“-Preis?

Der Neue Deutsche Jazzpreis 2012 ist vergeben worden, an die Band Schneeweis & Rosenrot, 2. Platz ging an das Center Trio um Eike Wulfmeier (p) und 3. Platz an Christopher Dell’s Dra.

Nun, ich muß gestehen, daß ich überrascht war. Dra kenne ich schon lange, Eike war einmal mein Student (und schon vor ein paar Jahren wirklich fabelhaft), nur „Schneeweis & Rosenrot“ war mir nicht bekannt. Ich habe mich also schlau gemacht, und durfte dabei Erstaunliches entdecken: Ich habe mir ein paar Songs des Quartetts im Internet angehört und, ich fand‘ es gut! So ein bißchen Björk, ein bißchen „Art-Pop“, ein bißchen schräg – aber eben nur so viel, daß es nicht weh tut. Kurz, für mich eine überzeugende Popband mit interessantem, wenn auch nicht mehr ungewöhnlichen Konzept.

Über die Band wurde unter anderem geschrieben:

Auch die Genre-Grenzen sind so durchlässig wie nie, die letzten alten Schubladen müssen wohl bald endgültig geschlossen werden. Und wenn wir jetzt doch noch einmal Schlagworte gebrauchen dürfen: Dass der Jazz als letzter Rückzugsraum des Avantgarde-Pop dient, ist ja durchaus zu loben. Mannheimer Morgen

Ich bin mir nicht ganz sicher, wo ich nun anfangen soll, denn ich ärgere mich – worüber allerdings, muß ich erst einmal sortieren. Vielleicht ist es das:

Warum gewinnt eine Popband, die „improvisierte Elemente“ in ihrer Musik hat, einen Jazzpreis? Warum ist diese Band im Finale gelandet? Und zu allerletzt, was ist denn eigentlich das künstlerische Konzept hinter einem Publikumspreis?

Der Reihe nach.

Warum gewinnt Schneeweis & Rosenrot vor einem „modernen Klaviertrio“ und einer höchst interessanten, erfahrenen Band in ungewöhnlicher Besetzung (mit einer Kunst des Zusammenspiels und der Ernsthaftigkeit, die man selten findet)?

Schneeweis & Rosenrot gewannen den neuen dt. Jazzpreis, weil sie das Publikum an jedem Abend am meisten gefesselt haben! Dagegen ist nichts einzuwenden.

Folgendes Gedankenspiel: Wir befinden uns nicht beim NDJP (Neuer Deutscher Jazzpreis), sondern auf einem Wettbewerb für klassische Streichquartette. Eine Fachjury hat unter dem Schweiße Ihres Angesichts die vielen Bewerber ausgesiebt, die nicht, oder noch nicht reif für den Wettbewerb waren.

Das Ergebnis wured an einen berühmten Cellisten weitergereicht, der daraus drei Finalisten ausgewählt hat. Diese drei Quartette spielen nun vor vollem Haus, viele junge Leute sind gekommen, denn sie dürfen bestimmen, wer gewinnt!

Ein Ensemble wählt ein Shostakovich Streichquartett, ein anderes Ensemble wählt Dvoraks Cypresses und Schönbergs Streichquartett No. 2, das dritte Ensemble jedoch wählt einige ungewöhnliche Fassungen von Beatles-Songs und einen fetzigen Ragtime in 5/4. Wer den Publikumspreis an diesem Abend gewinnt, ist klar. Wer den Preis an diesem Abend nicht gewonnen hätte, wäre es eine Fachjury und kein Publikumspreis gewesen, ist auch klar.

Fachjury? Was macht die? Nehmen wir an, es handelt sich dabei wie üblich um 2-10 Musiker, die sich in den letzten 20-30 Jahren intensiv und unter Aufgabe eines geregelten Lebens mit der Musik auseinandergesetzt haben. Sie haben konzertiert, geschrieben, gelitten, gezweifelt und gefeiert. Warum nun sollen ausgerechnet diese Experten entscheiden? Nun, weil sie sich auskennen. Nur wenn „auskennen“ und „unterscheiden“ (im künstlerischen Sinn) keine Rolle spielen, vergibt man Publikumspreise. Üblicherweise stellen Publikumspreise sogar Trostpreise dar. Sie sind dann dazu da, das Publikum zu beschwichtigen, ihm eine Möglichkeit zu geben auch ein wenig „Recht“ zu haben, nachdem die Fachjury womöglich eine nicht ganz nachvollziehbare Entscheidung getroffen hat.

Ich selbst habe schon in vielen solcher Fachjurys gesessen und immer ging der Publikumspreis an die Schöne, oder den Clown, oder den Exoten. So funktionieren Publikumspreise.

Ich bin der Überzeugung, daß der NDJP dem Genre Jazz gegenüber eine Verantwortung hat, vor allem weil der Preis deutscher Jazzpreis heißt. Der Name des Preises ist geschickt gewählt und impliziert einen gewissen repräsentativen Charakter, sonst hätte er auch einfach „JazzPreis der IG Jazz und der Mannheimer Verkehrsbetriebe“ heißen können (was er in Wirklichkeit ist). Wenn man nun die Deutschland- und Jazzfahnen im Wind flattern läßt, gleichzeitig aber das Publikum über den „buntesten act“ des Abends entscheiden läßt, sehe ich ein inhaltliches Problem. Doch was will der Preis erreichen? Warum wurde er gestiftet? Welches inhaltliche Konzept steht dahinter? 15 minutes of fame für die Region? Werbung für die Sponsoren?

Einmal angenommen (nicht zuletzt durch den Publikumsentscheid), es gewinnen in den nächsten Jahren zunehmend „Björks“ (stark vereinfacht), was wäre dann am Jazzpreis noch Jazz? Will man das überhaupt noch, Jazz?

Die Frage bleibt, warum eine Musik, die von ihrem Grundgedanken her Pop ist (mit Elementen des Jazz), das Finale eines Jazzwettbewerbs erreicht. Würde eine Musik, die von ihrem Grundgedanken her Jazz ist (mit Elementen des Pop) das Finale eines Popwettbewerbs erreichen? Sicher nicht.

Die Signale, die von solchen Entscheidungen ausgehen sind nicht gut. Laut Mannheimer Morgen will z.B. „Siegfried Dittler, Leiter der Alten Feuerwache, Schneeweiss & Rosenrot zum nächsten Enjoy-Jazz-Festival einladen“.

Ich gönne dieser Band jeden erdenklichen Erfolg! Aber warum muß das (schon) wieder auf einem Jazzfestival sein? Das mangelnde Selbstbewusstsein in der Jazzwelt geht mittlerweile so weit, daß man nun hastig jeden Ast ergreift, mit dessen Hilfe man sich aus der frustrierenden Grube der Jazzprobleme ziehen kann. Eine geradezu kindliche Freude und ein fast weihnachtliches Gefühl strömt aus den Augen der Veranstalter die „endlich“ mal wieder junge Leute bei Jazzkonzerten haben… volle Häuser – wie früher! Blind vor Glück sehen sie nicht, daß sie in Wahrheit gar keinen Jazz mehr programmieren, sondern nur etwas, daß man neuerdings so nennt.

Meiner Meinung nach trägt auch der NDJP die Verantwortung, seine Rolle für das ganze Genre wahrzunehmen (das er im Titel trägt!). Dazu gehört auch, zu verhindern, daß Musik unter falschem Etikett verkauft wird. Warum sollte der Jazzpreis außerdem dem nächsten Neuen Deutschen Pop Preis jetzt schon den Finalisten wegnehmen? Dort würde man sich sicher auch über die Innovationen von Schneeweis & Co freuen, und dort gehören sie hin.

Nachtrag: Es ist ein naiver Irrglaube, daß Musik gleich Musik ist. Wir sind mitnichten „eins“, sondern die diversen Genres kämpfen alle um Ihre eigene Aufmerksamkeit. Es gibt Weltmusikfestivals, die ganz genau wissen, daß sie keinen Heavy Metal wollen. Es gibt Popfestivals, die keinen Südstaatenblues wollen. Es gibt Neue Musik Festivals, auf denen kein Haydn gespielt wird und Volksmusiksendungen und Top40 Hits werden sicherlich in naher Zukunft keine improvisierten Elemente enthalten. Warum also führt sich die Jazzwelt so schrecklich nett und berufen auf, alle Heimatlosen unter seine Fittiche zu nehmen? Die Bandbreite des Jazz allein, ist heute schon so unübersichtlich (und interessant), daß man kaum mehr nachkommt. Warum , muß man dann noch Musik den Stempel „Jazz“ verpassen, die von Ihrem Grundgefüge her wirklich woanders besser versorgt wäre. Aber so lange man ein wenig Jazz Elemente benutzt, darf man dazugehören. Es reicht manchmal schon aus, daß Musik von Jazzmusikern gespielt wird, um zum Jazz zu werden.

Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt, der mich speziell am diesjährigen Ergebnis stört, hierzu auch der Mannheimer Morgen:

Die Mitglieder der Band Schneeweiss & Rosenrot leben inzwischen in der neuen Jazzhauptstadt Berlin. Zuvor wohnten sie allesamt in Kopenhagen, wo Johanna Borchert bei dem diesjährigen Mannheimer Kurator Django Bates studierte. Bassmann Petter Eldh spielt heute noch in dessen Trio Beloved Bird mit.

Die Pianistin war Studentin beim Kurator? Der Bassist spielt mit dem Kurator auf der gleichen Bühne und ist festes Mitglied seiner Band? Der Kurator wähl die drei Finalisten im Wissen um den „Publikumspreis“ aus? Das darf nicht sein. Wer hat hier geschlafen? Das wahrscheinliche Ergebnis muß Django Bates schon bei seiner Entscheidung klar gewesen sein, wenn nicht, dann war er bestenfalls naiv – Absicht will ich hier keine unterstellen.

Vielleicht ist der NDJP eben doch „nur“ der „Jazzpreis der IG Jazz und der Mannheimer Verkehrsbetriebe“. Um mehr als das zu sein, und seinen jetzigen Namen zu verdienen, gehört jedenfalls mehr dazu als Jahr für Jahr ein volles Haus zu haben. Es reicht nicht aus, daß ein Förderpreis der Kultur „als Konzept (wirtschaftlich) aufgeht“. Denn wäre das das alleinige Ziel, würde ich den Sponsoren raten, auf Funsportarten umzusatteln.

 

 

 

 

Leave a Comment

Filed under JazzTalk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.