Portugiesisches Hähnchen

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Hans Zimmer, the market and Jazz

Durch einen Hinweis von Paul Shigihara (Gitarrist der WDR Big Band) auf facebook (ja, facebook kann interessant sein) bin ich auf eine Art Glosse, Lobgesang, Rehabilitation oder Hinweis gestoßen, der sich mit den Fähigkeiten des amerikanischen Filmkomponisten Hans Zimmer auseinandersetzt. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, warum der Text erstellt wurde, oder was der Autor wirklich damit bezweckt: Aufklärung? Hilfe? Dampf ablassen? Daher fällt es mir auch schwer, diesen Text ‚Artikel‘ oder ‚Kommentar‘ zu nennen.

Wer Zimmer noch nicht kennt, kann sich hier kurz einlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Zimmer

Der Text aus Juli 2013 wurde von Michael Levine verfasst, ebenfalls Komponist, Filmkomponist und Geiger, der offenbar seit vielen Jahren mit und für Hans Zimmer arbeitet.

Hier findet man das Original: Why Hans Zimmer got the job you wanted (and you didn’t)

Zuerst einmal hat mich dieser Text nicht nur interessiert weil ich Hans Zimmers Musik aus unzähligen Filmen kenne, sondern auch weil ich schon viele ’stories‘ über seine anscheinende Unfähigkeit als Musiker gehört habe. Wenn man sich unter Musikern über Hollywoods Filmkomponisten unterhält, kommt Hans Zimmer tatsächlich ziemlich schlecht weg. Die üblichen Vorwürfe werden auch im ersten Absatz des Artikels genannt:

Hans doesn’t really write his own music. The studios only give him work because he’s famous. He’s not a real musician. He just gets his clients drunk and all the work is done by guys in the back room. And so forth.

The underlying implication is that this underhanded semi-musician has Hollywood in his thrall due to Svengali like powers and maybe, someday, they’ll wake up and hire a “real” composer – like whoever is whispering to me.

Ich muß gestehen, dass ich auch zu dieser Gruppe von Besserwissern gehörte – einerseits befeuert durch o.g. ’stories‘, andererseits aber auch durch das tatsächliche ‚Erleben‘ der Zimmer’schen Filmmusik. An dieser Stelle benutze ich ausdrücklich den Begriff ‚Erleben‚ und nicht ‚Hören‚ – aber dazu später mehr.

Erst neulich wurde meine Urteile und Vorurteile gegenüber Zimmer bestätigt… und zwar durch ein Werbevideo für ein neuartiges Eingabegerät für Computermusiker, dem ‚Seaboard‘. Das Video dazu gibt es hier: Seaboard auf youtube

Ich finde den Text von Michael Levine nun nicht bemerkenswert weil er offensichtlich von jemandem verfasst wurde, der direkt mit und von Hans Zimmer lebt, sondern insofern relevant, weil er (un)bewusst zwei grundsätzliche Themen vermischt, die man meiner Ansicht immer auseinanderhalten sollte:

1. Musik, Kunst, immaterieller ‚Wert‘

2. Markt, Geschäft, ökonomischer Erfolg, materieller Wert

Eine Vermischung, die mir inzwischen fast täglich auffällt, und zwar in allen Bereichen des Lebens, nicht nur in der Musik. Ich möchte an dieser Stelle betonen, daß es mir überhaupt nicht um eine Verteufelung des Kapitalismus oder des westlichen Wohlstands geht (das wäre ein ganz anderes Thema)  – mir geht es um die allseits grassierende Undeutlichkeit, wenn es um die Bewertung immaterieller Inhalte geht.

Als Antwort auf die o.g. Vorwürfe gegen Zimmer führt der Autor z.B. folgende ‚Richtigstellungen‘ an:

He has an extraordinary sense of what will work – Hans is an outstanding dramatist – challenging the limits of what is acceptable in our medium – Hans Zimmer works very, very hard – Hans usually arrives at the studio at 11 am and then works until 3 or 4 in the morning. 7 days a week. For months – at some point, he stops shaving – his knowledge of academic theory is, by intention, limited – Hans knows what he needs to know to make it sound great – Hans works with great people, Take a look at the composers who have worked for Hans – Hans is acutely aware of the presentational aspect of our business – At dinner, he serves his guests fine wine – Look at what happened to Howard Shore on King Kong, […] they were fired because the studio or director lost faith that they could shift direction quickly enough once their original approach was rejected. In 150+ films this has never happened to Hans.

Der aufmerksame Leser wird feststellen, daß sich ein Großteil der o.g. Lobeshymnen gänzlich auf den zweiten Themenbereich (Business, Markt, Verkauf, Geldgeber, etc.) bezieht, die Kritik an Hans Zimmer aber größtenteils auf den ersten Themenbereich abzielt (Inhalt, Musik). Der Autor selbst beschreibt dies schon ganz am Anfang seines Texts:

No other composer seems to stir up this kind of fire – I never hear people say, “Yeah, that John Williams only writes 12-line sketches and it’s up to his orchestrators to make it into real music!”

Korrekt. John Williams wird selten für seine mangelnden Fähigkeiten als Musiker kritisiert, für seine flachen Kompositionen, die ’nur‘ auf Monstersound beruhen. Kein Mensch sagt, daß John Williams nichts ‚drauf‘ hat. Das erste, was einem bei John Williams einfällt, ist nicht die Menge an Geld, die er generiert, oder die Anzahl der Leute, die für ihn arbeiten, oder die Innenarchitektur seines Studios. John Williams‘ Kompositionen haben einen musikalischen ‚Wert‘, der jenseits von ökonomischem Erfolg liegt – was nicht bedeutet, daß Williams weniger erfolgreich im Markt wäre als Zimmer. Ich denke, die Kritik an Zimmer geht eher in Richtung ‚content‘, als in Richtung ‚market‘. Man kann sich weniger vorstellen, einen Abend lang ‚best of Hans Zimmer‘ in der Philharmonie Köln zu hören.

Es ist geradezu typisch für unsere Zeit, daß auf Kritik am Inhalt mit Verteidigung durch ökonomischen Erfolg reagiert wird – eine schlimme Verquickung zweier (eigentlich) unabhängiger Bereiche – und keiner beschwert sich oder bemerkt, daß hier etwas nicht stimmt. Im Gegenteil: Unbesonnen lassen sich selbst geübte, sonst scharfsinnige ‚Diskutatoren‘ auf Auseinandersetzungen ein, die eigentlich völlig aneinander vorbei gehen. Es ist anscheinend nicht mehr en vogue Inhalt und Markt zu trennen.

Die Reaktion auf Kritik am musikalischen Inhalt des Zimmerschen Werks treibt hier mitunter seltsame Blüten:

Hans is a so-so pianist and guitarist and his knowledge of academic theory is, by intention, limited…

By intention limited? Kaum zu glauben, daß jemand so etwas zur Verteidigung eines Komponisten ins Feld führt. Meiner Ansicht nach ist es tatsächlich irrelevant, inwiefern jemand theoretisch (oder praktisch) ausgebildet ist. Daß jemand, der sich ernsthaft mit Komposition auseinandersetzt sich jedoch absichtlich von musikalische-theorethischer Bildung fernhält, ist entweder absurd oder selbstgefällig. Ich denke nicht, daß Zimmers Musik darunter gelitten hätte, wenn er einen Einblick in 12-Ton Technik, spätromantische Harmonik oder Barocker Fugentechnik gehabt hätte. Ich denke viel eher, daß Zimmer aus welchen Gründen auch immer (Spekulationen helfen hier nicht weiter) die tiefere Beschäftigung mit seinen Instrumenten und der Theorie für unnötig hielt – was völlig legitim ist.

Dass Zimmers Musik im Filmkontext ‚funktioniert‘ ist wenig streitbar, sie hilft der Dramaturgie der Filme – aber darum geht es den Kritikern glaube ich nicht, denn eine rein ‚dramatische‘ und ‚dienliche‘ Betrachtung von Musik oder Komposition ist meiner Ansicht nach viel zu eng gefasst. Ich bin der Überzeugung, daß ein talentierter Sounddesigner einen blockbuster genauso gut ‚dramatisieren‘ könnte, wie ein Komponist – das hätte jedoch unter Umständen wenig mit Musik zu tun.

Ich möchte mich eigentlich auch gar nicht in den Chor einreihen, dem Zimmer ‚zu flach‘ ist und die sich darüber lustig machen, daß er nur ein paar Mollakkorde auf einem Gummikeyboard drücken kann. Genausowenig möchte ich John Williams als den Filmkomponisten hochstilisieren, nur weil er vor lauter Zwischendominanten nicht mehr weiß, wo er eigentlich ist.

Mir geht es nur um die gefährliche Vermischung von ‚business‘ und ‚content‘ im Diskurs. Und darum wie weit verbreitet diese Ungenauigkeit ist – und zwar selbst in Organisationen (Kulturpolitik!), die sich den Erhalt und die Förderung von Kultur auf die Fahnen schreiben – Ich beobachte eine gewisse Faulheit, sich mit ‚content‘ auseinanderzusetzen.

Diese Faulheit führt mittelfristig zu Monokultur und Verlust von Vielfalt und Qualität. Und Vielfalt und Qualität sind die Nahrung künftiger Generationen von ‚Künstlern‘. Vom kommerziellen Erfolg ihrer Vorgänger kann die nachwachsende Generation nichts lernen, außer wie man Geld generiert.

Schaut man sich in der Kulturszene um, so sehe ich, daß

  • immer weniger Künstler immer mehr Aufmerksamkeit bekommen
  • immer mehr Künstler, ihren kommerziellen Erfolg in inhaltlichen Erfolg umdeuten
  • immer mehr Medien und Professionelle außerhalb des Kunstbetriebs (Journalisten, Veranstalter, Produzenten, etc.) den Unterschied zwischen Erfolg und Erfolg nicht mehr trennen.
  • immer mehr Preise and bewährte Preisträger vergeben werden
  • immer mehr Medien voneinander abschreiben und über Bewährtes berichten
  • Verlässlichkeit gegenüber Vielfalt siegt
  • die Kulturpolitik (deren Vertreter selten wirklich Ahnung von der Materie haben) sich auf genau dieses Bewährte stürz
  • Künstler selbst den Unterschied zwischen content und Markt nicht mehr erkennen

Und, was hat Hans Zimmer mit Jazz zu tun? Nun, glaubt man den gut laufenden Veranstaltungen der Jazzszene, dann gibt es in Deutschland eigentlich nur eine Hand voll nennenswerter Ensembles und Solisten. Glaubt man den Medien, glaubt man der Kulturpolitik, das selbe.

Diversität scheint zu anstrengend zu werden. Zu suchen und zu finden scheint zu anstrengend zu werden – da verlässt man sich lieber auf eine einfache Formel: Wer Erfolg hat, hat Recht.

Bis hierhin könnte ich damit leben – leider jedoch wird das Erfolg und ‚Recht‚ haben mit content verwechselt. Schon jetzt beobachte ich das Heranwachsen eine leichtgläubigen Generation, die sich nicht mehr die Mühe macht, zu unterscheiden. Es wird kopiert, was gerade gut läuft. Es wird nicht kopiert, was interessanten, abenteuerlichen oder anregenden content hat. 

An dieser Stelle nochmals: Ich kritisiere nicht den kommerziellen Erfolg, genauso wenig wie ich das Erfüllen eines musikalischen Wissens- oder Virtuositätskatalogs hochhalte. Ich möchte hier lediglich für die vom Erfolg abgekoppelte Betrachtung von immateriellem content plädieren.

Vor diesem Hintergrund ist übrigens das Thema ‚crowd-funding‘ ein ganz besonderes Desaster.

Also:  Why Hans Zimmer got the job you wanted (and you didn’t): because he knows what to deliver to people whose only interest is the economic success of their product. No more, no less.

Ich denke aber mal, daß dies nicht der Grund sein dürfte, warum junge Nachwuchskomponisten nach L.A. ziehen, um dort Filmmusik zu machen. Als Banker (Immobilienmakler oder Krimineller) kann man mit weit weniger Schmerz in kürzerer Zeit Erfolg haben.

Um seine eigene Position als Künstler zu bestimmen, sollte man sich folgendes Fragen:

Was ist mir als Jazz-Pianist wichtiger: Anerkennung von Bill Evans, oder von der Finanzabteilung der Plattenfirma?

Was ist mir als Maler wichtiger: Anerkennung von Pablo Picasso, oder von der Finanzabteilung der Galerie?

Wenn man diese Fragen ehrlich beantwortet und mit seinem aktuellen Weg vergleicht, kann man wieder zu einer Trennung von Erfolg und Erfolg zurückfinden. Bliebe da nur noch das Problem der wachsenden Monokultur in der ‚Kulturverwaltung‘. Aber auch diese Menschen könnten sich eine ähnliche Frage stellen – wenn sie denn wollten. Aber das kann mitunter weh tun und Schmerz auszuhalten ist nicht gerade en vogue.

 

P.S.: John Williams war mal Jazz-Pianist…

 

 

 

 

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Warum fahren die Jungen so auf komplexes Zeug ab?

Warum fahren die Jungen so auf komplexes Zeug ab?

Das habe ich mich neulich gefragt. Damit meine ich jetzt nicht nur 7/8-Take im Wechsel mit 3/2 und 5/4, sondern generell „komplexes Zeug“ – ohne das jetzt näher spezifizieren zu können.

Als ich noch „klein“ war, waren die Geschmäcker sehr verschieden: Da gab es die Oscar Peterson Imitatoren, da gab es die Fusion Fuzzis, die freien Improvisatoren, die „gotta-know-rhythm-changes-in all-keys“-Fraktion, und die Digitalpiano Hintergrundsmucker. Also ein ziemlich bunter Haufen.

Irgendwie stellten sich die meisten die mehr oder weniger unangenehme Frage, wozu man denn nun gehören soll? Richtig haarig wurde es bei der Auswahl des Repertoires für die erste eigene Band: Ein Bossa, dann ein ‚eigenes Stück‘ gerade Achtel, dann ein Standard als Swing, dann eine Art Blakey Jazz Messengers Nummer. Also alles war irgendwie kategorisiert und das hatte Vor-und Nachteile – ein bisschen wie damals in der Modewelt, denn ich erinnere mich da an meine Schulzeit, wo’s klamottenmäßig ähnlich bunt zuging und man sich auch dazu entscheiden musste, Esprit-Sweatshirts, Elho Daunenjacken oder das zu große Sakko von Opa zu tragen. Das schwierige daran war, in eine Gruppe zu gehören (zu müssen), das Schöne, aus vielen Richtungen wählen zu können, die alle irgendwie widersprüchliche Inhalte zu haben schienen.

Nun, 2013, erlebe ich die junge Szene natürlich ein wenig von außen, da ich rein altersbedingt nicht mehr dazugehöre. Ich bekomme dank Internet jedoch ziemlich gut mit, wer was so spielt und was neue Bands so treiben, und vor allem, was (in meinem Fall) an der Kölner Hochschule so goutiert wird. Das ein oder andere Gespräch zwischen aufstrebenden Musiker lasse ich auch mal ab und zu als evesdropper einsickern – vor dem Haupteingang der Hochschule. Meistens getarnt mit einem Pappbecher Kaffee.

Und über eine gewisse Zeit meine ich nun (ganz subjektiv), einen gewissen Trend feststellen zu können, der sich wie ein roter Faden durch die Vorlieben der jungen Musiker zieht: Sie stehen auf „komplexes Zeug“.

Technisch überzeugendes Können auf dem Instrument war schon immer interessant für Musiker, das meine ich nicht. Ich meine eher das musikalische Material selbst: die Stücke, die Herangehensweise, die Art zu musizieren, etc.
Wenn mich jemand fragen würde, ob ich finde, dass John Coltrane „komplexes Zeug“ ist, dann würde ich das wahrscheinlich verneinen, obwohl es natürlich hochgradig komplexes Zeug ist… Der Gestus der Musik liegt bei Coltrane für mich nicht in der Komplexität seiner lines, sondern eher in der Farbe, in der Energie, in der Melodieführung, im Sound. Komplex ist es natürlich auch – das merkt man, wenn man es versucht zu imitieren.

Wenn ich so die versammelte Mannschaft meiner studentischen Begegnungen der letzten 5 Jahre an mir vorüber ziehen lasse, dann stelle ich fest, dass „komplexes Zeug“ der Inhalt ist, der fast alle verbindet. Sei es nun die Stapelung krummer Taktarten, die „harmonielosen Zusammenhänge“ vieler Stücke, oder die extravaganten, suitenhaften Kompositionen, vielleicht auch eine Prise Vierteltonmusik? Ich kann und will hier nicht alle Schattierungen dieser Art aufzeigen, aber eines haben sie doch irgendwie gemeinsam: sie sind irgendwie „komplexes Zeug“.

Ich frage mich nur, wieso?

Immer wieder habe ich darüber sinniert, aber so richtig „Klick“ hat es bei mir nicht gemacht. Eine inhaltliche oder gar politische „Auflehnung“ gegen dumpfe Stampfmusik kann es nicht sein, dazu sind die meisten viel zu einverstanden mit allem – jeder darf alles machen und alles ist irgendwie OK und ‚dufte‘. Eine nötige Opposition gegen in der Jazzgeschichte bislang notorisch zu kurz gekommener Komplexität macht auch nicht gerade Sinn. Was bleibt also?

… bis mir etwas aufgefallen ist: Die Mehrzahl der jungen Musiker-Musikkonsumenten, hören heute Musik auf Youtube, Spotify, etc. Aber hören Sie auch zu? Länger als 2 Minuten? Ein ganzes Album? Immer wieder? Nein. Heute wird mal eben angespielt und gewechselt, angespielt, gewechselt. Nachdem man den vermeintlichen Inhalt einer Aufnahme gecheckt hat, geht’s weiter – und das dauert keine 2 Minuten.

Egal in welchem Stil wir uns befinden, ein Feuerwerk von „komplexem Zeug“ zeigt uns schon in der ersten Minute, wo’s langgeht! Der Hörer beißt an. Zehn Sekunden 5/4 mit 7/8 Überlagerung auf analogen Synths zeigen uns sofort: hier sind Checker am Werk, hier ist was los. Ist das nicht so, dann braucht es länger und die Geduld haben wir heute nicht (mehr).

Ich weiß, dass das eine sehr wilde Theorie ist, aber bislang die beste, die ich finden konnte.

Aber was stört mich daran? Die Vorliebe für „komplexes Zeug“ beschert uns allen natürlich eine ganze Armee von gut ausgebildeten Musikern, die schon in jungen Jahren auf ganz erstaunlichem technischen Niveau spielen können – als Komponist und Arrangeur freue ich mich besonders darüber, denn das durchschnittliche Niveau von Musikern z.B. in einer Big Band ist um ein vieles höher als noch vor 20 Jahren.

Was mich ein wenig beängstigt jedoch ist eine Tendenz (deren Existenz bestimmt nicht ganz unumstritten ist), das Erlangen von technischen Möglichkeiten vom Inhalt der Musik zu entkoppeln. D.h. „komplexes Zeug“ wird für sich genommen zum Inhalt, während es noch zu meiner Studienzeit vorwiegen eine Mittel war, einen musikalischen Inhalt ausdrücken zu können. Eine schlechte Version von „der Weg ist das Ziel“.

Einen weiteren Zusammenhang sehe ich hier: Von der Hatz auf inhaltsarmes „komplexes Zeug“ wenden sich junge Jazzmusiker unnötig ganz ab vom Jazz – die Flucht zur Einfachheit, sozusagen. D.h. parallel zum „komplexen Zeug“ entsteht eine musikalische Welt der Einfachheit, die allerdings ebenso leer ist, wie ihr Gegenstück. Denn auch hier spielt oft nicht die Umsetzung einer musikalischen Idee, sondern die Suche nach einer einfachen Hülle die größte Rolle: Hauptsache es ist „einfach“ oder „down to earth“ oder „cool“ oder „chilled“, egal was drin ist. Gutes Beispiel dafür sind die diversen Jazz-Topacts, die nüchtern betrachtet akustisch-belastete Popmusik machen. Und ja, ich denke es gibt trotz Grenzbereichen einen Unterschied zwischen Pop und Jazz.

Die Welt der Jazzmusik scheint sich in meiner Theorie also langsam in zwei Versionen der gleichen Hülle zu spalten – eine Hülle, die zum Inhalt wird.

Dabei ist doch die interessanteste Musik eine, die sowohl „komplexes Zeug“ enthält, wie auch einfache Dinge. Harmonie und Dissonanz, laut und leise, schnell und langsam. Widersprüche und Gegensätze, die die Musik und das musizieren erst wirklich abwechslungsreich machen, im Spannungsfeld der Erfüllung und Enttäuschung musikalischer Erwartungen – egal, in welchem Stil wir uns befinden. Musik lebt nur, wenn Sie spannend ist.

Ich würde mir wünschen, wenn mehr nach dieser Musik gesucht würde… Wenn mehr junge Musiker sich die Zeit nehmen würden, erst nach dem Ziel und dann nach dem passenden Vehikel zu suchen.

Um zurück zum Beispiel der Mode an Schulen zu kommen, würde ich mir eine Studie zur Bekleidungskultur der gymnasialen Oberstufe in verschiedensten Städten Deutschlands wünschen – ich bin mir sicher, dass man Mühe haben würde, dort viele unterschiedliche Strömungen herauszulesen.

Edit vom 16.09.
Nur um diese Einschätzung nicht zum Zündholz für ewig gestrige Innovationsverneiner zu machen, möchte ich nochmals klarstellen, dass ich selbst ein großer Freund von „komplexem Zeug“ bin, wenn dieses eingebettet ist in musikalischen Inhalt, Spannung, Drama, Energie, etc. Ich finde es nur dann problematisch, wenn es all die o.g. Dinge ersetzen soll.

 

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Vietnamesische Frühlingsrollen

Ich liebe diese Dinger! Knusprig ausgebackene vietnamesische Frühlingsrollen mit Fischsoße!

Nachdem einige Versuche fehlgeschlagen waren, habe ich nun ein paar Informationen im Internet zusammengesucht, die zum Erfolg führen:

Füllung

Die Füllungen können variieren, jedoch muß immer folgendes drin sein:

Darüber hinaus kann man Schweinehack, Hühnerhack oder Garnelen hinzufügen. Da die Viet-Küche von frischen Kräutern lebt, würde ich noch frischen Koriander, Frühlöingszwiebeln und vielleicht sogar etwas Thai Basilikum reinpacken. Auch Sojasprossen oder Erdnüsse passen gut. Abgebunden wird die Füllung entweder mit Maisstärke und/oder Ei – hier gibt es verschiedene Ansätze und Varianten. Daß irgendwie abgebunden werden muß, scheint jedoch sicher.

Reispapier

Ich hatte bereits einige schweinische Fehlversuche hinter mir (gerissenes Papier, beim Frittieren aufgeplatzt, etc.) bis ich nun festgestellt habe, daß es das vietnamesische Reispapier in zwei Varianten gibt: Einmal zum ‚kalt‘ essen (z.B. für Sommerrolle) und eine weitere, etwas dickere Variante zum Frittieren (für Nem oder Cha Gio).

Dazu paßt neben Fischsoße plus Wasser und Chillies auch Hoisin Sauce, sowie sauer eingelegte vietnamesische Knoblauchzehen in Scheiben. Frischer Koriander nicht vergessen!

 Foto 2

P.S.: Der Ofen dient nur zum warmhalten.

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Gregory Porter – warum trägt er diesen Hut?

Gregory Porter – warum trägt er diesen Hut?

Das ist eine Frage, die mich gleich in zweierlei Hinsicht beschäftigt. Einerseits durchaus wörtlich, also in Bezug auf die Kopfbedeckung und andererseits in Bezug auf sein „Début in der Jazzwelt“, wie es schon so oft beschrieben wurde.

Warum interessiere ich mich überhaupt dafür?

Meiner Ansicht nach verschiebt sich die Vermarktung der Jazzmusik seit einigen Jahren stringent in Richtung Pop. Es geht nicht mehr hauptsächlich um die Musik, sondern um für das Publikum scheinbar so wichtige Schein-Eigenschaften, wie ‚Emotion‘, ‚Charisma‘, ‚Klischees‘ etc.

‚Schein‘ deshalb, weil diese Eigenschaften auf jeden Künstler beliebig zutreffen können – es muß nur jemand behaupten. Gregory Porter ist meiner Ansicht nach ein typischer Vertreter dieser neuen Jazzprodukte. Aber der Reihe nach… Continue reading

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Did the American Songbook kill Jazz?

Ein interessanter Artikel – oder zumindest eine interessante Theorie…

Did the American Songbook kill Jazz?

Ich finde der Artikel hat insofern nicht unrecht, daß der Augenmerk im Jazz zu lange fast ausschließlich auf den Improvisationen und Improvisatoren lag. Bei aller Größe und Genialität sind dies immer Momentaufnahmen, Geistesblitze, die sich schlecht tradieren lassen – außer wiederum durch weitere ausübende Improvisatoren. Also eine Art mündliche Überlieferung, die zwar eine reiche Sprache, aber relative dünne „Geschichten“ (= Kompositionen) hat.

Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte der Musikgeschichte haben sich stets Kompositionen erhalten (durchaus auch im modernen Sinne als Soundkompositionen), selten jedoch Interpreten.

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Warm(an)geräucherter Lachs

Liebe Kochfreunde,

Nach vielen Experimenten ist mir nun endlich die ultimative Technik zum warm(an)räuchern von Lachsfiletschnitten gelungen – ähnlich dem im Fachhandel erhältlichen ‚Stremel Lachs‘.

Das zugegebenermaßen wunderschöne Lachsfilet (1.8 kg) habe ich heute in der Fischabteilung der Metro in Köln-Godorf erstanden. Restliche Gräten entfernt, mit Tuch trockengetupft. In etwa 4-5cm dicke Scheiben geschnitten und mit ‚Flor Atlantico‘ gewürzt, einer Art Fleur de Sel mit grobem Meersalz, Rosmarin, Thymian, etc. Eine eher unaufdringliche Mischung von frischen (sprich feuchten) Kräutern im Schraubglas. Gab es tatsächlich mal in einer Sonderaktion bei Aldi und ich habe mich gleich mit einigen Gläsern eingedeckt. Continue reading

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Musiker ‚umsonst‘ auf tour…

Hier hat sich eine amerikanische Musikerin etwas besonderes einfallen lassen: Anstatt mit Ihrer Band zu will sie mit lokalen Musikern (und deren equipment) spielen und keine Gagen bezahlen – dies wäre Ihr zu teuer.

http://www.prefixmag.com/news/amanda-palmer-cant-afford-to-pay-her-backup-band/69017/

http://www.kickstarter.com/projects/amandapalmer/amanda-palmer-the-new-record-art-book-and-tour

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Online Arranging Course

Hier ein wirklich sehr schön gemachter, kompakter online-Arrangierkurs von Fred Sturm. Dieser Film ist wirklich was für jeden, der Interesse am Schreiben hat…

www.fredsturm.com/clinics/takeitall.html

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Achtung! Niveauverlust. Die Dreizehnte…

Oh jeh, ein weiterer Artikel aus der Reihe „…ich schreibe mal einen Artikel über eine Kunstform, von der ich keine Ahnung habe“, gekoppelt mit: „…ich biege mir meine subjektive Kulturwelt zurecht, ohne nach links und rechts zu schauen“.

Dieser Artikel steht in der „Zeit“. Wenn ich Abonnent wäre, würde dies sicher mein Abo beenden. Einfach unglaublich.

http://www.zeit.de/2012/32/Jazz-Szene-Clubs-Bars-Berlin

Folgende Parallelen fallen mir dazu spontan ein:

  1. meine Oma schreibt eine Glosse über Jugendkultur
  2. der Typ von der Wurstbude veröffentlich seinen Topseller „Die echte, gute, internationale  Küche“
  3. ein texanischer rechts-Republikaner veröffentlicht im „time magazine“ eine Artikel „Wie die Mexikaner wirklich sind…“
  4. Andrea Bocelli gibt einen Museumsführer für Rom heraus

… das könnte man stundenlang fortführen. Ich frage mich ernsthaft, warum sich neuerdings in alteingesessenen Publikationen keiner mehr um die Qualität kümmert. Wenn wir jetzt schon so weit sind, dann kann man die gleich die ganze Berichterstattung und Kommentare dem Internet überlassen und nur noch lokale Sportergebnisse veröffentlichen.

Aua.

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