Pop im Jazzclub… warum eigentlich?

Der Titel diese Artikels sollte eigentlich „Pop im Jazzclub… warum eigentlich nicht?“ heißen, jedoch läßt die Blogsoftware keine durchgestrichenen Wörter im Titel zu.

Die in letzter Zeit (gefühlt) häufiger aufwallenden Diskussion über die Identität und das Selbstverständnis des Jazz heutzutage, betrifft auch die Programmgestaltung der Spielstätten: Jazzfestivals und Clubs booken mit einer Handvoll Ausnahmen schon seit Jahren Pop und Funk. Die einfachste Erklärung dafür ist natürlich eine ökonomische, denn die Veranstalter erhoffen sich dadurch ein breiteres Publikum anzusprechen. Teilweise werden auch viel beschworene „Mitnahmeeffekte“ erhofft, die ich persönlich jedoch für marginal halte.

Die oberflächliche Betrachtung allein der ökonomischen Gründe für solches booking kann aber eigentlich nicht der einzige Grund sein, daher habe ich mir die Frage gestellt: „Was muß eigentlich passieren, bevor eine Funk-/ oder Popband auf dem Jazzfestival spielt? Welche Mechanismen gibt es da?“

Bei Festivals wird wohl eher ein wie auch immer gearteter scout nach geeignetem Programmmaterial suchen, bei kleineren Clubs steht vermutlich die Eigenbewerbung der Bands im Vordergrund, aus denen der booker dann aussucht.

In beiden Fällen jedoch müssen die Entscheidungsträger angesprochen werden, sonst spielt keine Band. Das heißt die Künstler selbst, oder deren Agenturen gehen aktiv oder passiv (zum Beispiel durch Präsenz in den Medien) auf Veranstalter zu, und diese wählen dann aus.

Warum jedoch bewerben sich „Popbands“ und deren Agenturen überhaupt für Jazzbühnen? Warum bewarb sich Schneeweis und Rosenrot überhaupt beim neuen deutschen Jazzpreis? Eine Frage, auf die ich spontan keine Antwort wußte. Ich befürchte, es dürfte schwierig werden von den Künstlern selbst eine Antwort darauf zu bekommen, die darüber 1. vielleicht noch gar nicht reflektiert haben, 2. gar nicht darüber reflektieren wollen und 3. bei einer Selbstreflektion erhaltene Erkenntnisse eventuell kontraproduktiv für zukünftige Bewerbungen sein könnten. Daher wage ich nun selbst ein paar Thesen.

Streng genommen handelt es sich bei den Ausführenden des von mir gemeinten „Pop-Soul-Funk-Rock mit improvisierten Elementen“-Phänomens meistens um Musiker, die einen ausgeprägten Jazzhintergrund haben. Viele davon haben Jazz studiert, und eine gewisse Praxiserfahrung hinter sich, was das konzertieren in Jazzvenues angeht.

Konzentration

Wer Jazz spielt und Jazz hört und sich überhaupt mit Jazz beschäftigt, der wird wissen, daß dazu eine gewissen Konzentration gehört. Und zwar nicht, weil dies in irgendeiner heiligen Schrift geschrieben steht, sondern weil es nun mal eine Musik ist, deren wirklich Schätze man nicht im Vorbeigehen erkennen kann. Beispielhaft möchte ich hier vielleicht Insektenforscher nennen, die den ganzen Tag auf dem Boden herumrutschen, um Kleinstlebewesen beim Liebesspiel zu beobachten – und darüber in wahre Glückszustände versetzt werden. Aufrecht gehende Passanten jedoch bekommen von diesem Krabbeltheater nichts mit. Wenn wir schon dabei sind: Soweit ich weiß, werden Insektenforscher nicht als elitär und arrogant empfunden, nur weil sie einer Bestimmung folgen, die für den klassischen Kleintierzüchter uninteressant sind – höchstens als Spinner, was ja durchaus sympathisch sein kann.

Wenn man sich also als ausübender, jazzaffiner (oder gar studierter) Musiker überlegt, wo man seine Schätze, also seine Musik präsentieren will, dann erinnert man sich vielleicht daran, wie konzentriert man auf Jazzbühnen zuhört. Dort wird wirklich noch geschätzt, was man macht. Die Zuhörer dort brauchen eben nicht nur 160 BPM (http://de.wikipedia.org/wiki/Hardcore_Techno) um glücklich zu sein, sondern sind vielleicht auch in der Lage, sich über eine handgespielte Gitarre zu freuen, die groovige, ausgefeilte licks spielt und interessante Sounds anbietet. Mit anderen Worten, hier wird noch richtig zugehört.

Experimentierlabor

Auch hier helfen einem die Erinnerungen als aktiver Jazzmusiker auf die Sprünge: In Jazzclubs und auf Jazzfestivals wird man nicht gleich gesteinigt, wenn man auf die Musik nur schwerlich tanzen kann. Hier ist ein Konzert ohne zwanghaftes Anheizen zum Pflichtgezappel noch möglich. Man kann hier für die Popwelt schwer verdauliches Material ungestraft einstreuen – im Gegenteil hier bekommt man Zuspruch für komischen Instrumentierungen, krumme Rhythmen und sperrige Harmonik. Mit anderen Worten, hier kann man noch etwas wagen und wird dafür belohnt!

Strukturen

Ich wage einmal die These, daß Jazzclubs und Festivals im Vergleich zur sonstigen Rock/Pop-Welt immer noch gut bürgerliche Strukturen bereitstellen. Solche Bequemlichkeiten wie ein ordentliches (wenn auch einfaches) Hotel, Fahrtkostenerstattung, gemütlich vor dem Konzert Essen gehen und last but not least keine verpeilte Jugendzentrums-Organisation gibt es in der Jazzwelt immer noch anzutreffen. Hier wird noch nicht oft erwartet, daß man im verranzten Nightliner oder backstage pennt, daß man drei Wochen weg von der Familie für ein paar Kröten spielt (Familie, das ist doch eh‘ was für Spiesser), hier hat man es mit aufgeräumten, verlässlichen Menschen zu tun. Außerdem taugt die PA vielleicht auch noch ein bißchen mehr, denn sie ist nicht nur auf „laut“ getrimmt, sondern vielleicht auch noch für leisere Töne zu haben. Es steht vielleicht sogar ein gestimmtes Klavier oder gar ein Flügel zur Verfügung, um die ein oder andere unplugged-Nummer anzubieten. Da auch hier wieder die eher bürgerliche Vergangenheit der (Jazz-)studierten Bandmitglieder eine gewisse Erwartungshaltung mit sich bringt, fühlt man sich aufgehoben. Mit anderen Worten, hier stimmen die bürgerlichen Umstände noch einigermaßen.

Intellektualität

„Wir schreiben alle unsere Song selber… wir jammen auf exotischen Instrumenten… wir finden ganz viele Arten von Musik toll… wir finden auch rhythmische Einflüsse aus dem Balkan toll… auch neue Musik ist super… Improvisation ist für uns total wichtig… aber wir wollen nur Musik machen …wir wollen nicht so kopflastig sein… Jazz ist uns zu eng“

Zitate aus einem imaginären Interview mit einer Popband, die aus Jazzmusikern besteht. Nun, man macht keinen Jazz mehr, aber man will ja auch nicht gänzlich in der Unterhaltungsecke versinken – Anspruch soll das ganze haben, und dazu braucht es auch einen gewissen (Pseudo-)intellektuellen Rahmen: eine Jazzbühne z.B. Hier kann man gleichzeitig „einfach nur Musiker“ aber auch „Künstler“ sein. Man will irgendwie nicht zu denen gehören, die nur drei Akkorde spielen und über Liebe singen. Mit anderen Worten, hier kann man sich noch selbst die Dosis der Intellektualität und Volksnähe zusammenmischen, wie sie zur eigenen Musik paßt – ein wirklicher Wert!

Aus Sicht der Veranstalter

… kann man diese These natürlich weiterspinnen. Indem man sich eine solche Crossover-Pop-Norwegen-Funk-Avantgarde-Rock-Unplugged-Band ins Programm holt, kann man seinem Publikum mehr bieten, als mit einer (noch so gearteten) Jazzband: 1. Man kann konzentriert zuhören, es wird aber auch Beat geboten 2. Da wird noch richtig geforscht und mit zeitgenössischem Material gespielt, 3. Es groovt und es gibt einen back-beat 4. Es groovt auch mal in 5/4 und der Herr in der ersten Reihe kann sich wie gewohnt wissentlich zu seiner Frau herüberbeugen, um Ihr ins Ohr zu flüstern: „… das ist jetzt 5/4, Schatz“, 5. Schatz kann hier auch mitwippen 6. Die beschweren sich nicht so über den Zustand des Flügels, wie manche Jazzbands 7. es kracht, ist aber keine Stampfmusik und 8. Dank der Sängerin oder Schlagzeugerin oder Saxofonistin (sehr oft entweder Typ Victoria Tolstoy oder Charlotte Roche) ist die Bühnenpräsenz nicht so verstockt und man bekommt auch was zu sehen… Wer will schon einen dieser verklemmten Jazzer beim Spielen sehen?

Also eigentlich eine win-win Situation, oder?

 

 

 

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