Jazz-Debatte

Nachdem in letzter Zeit häufiger über den „Zustand des Jazz in Deutschland“ berichtet wurde, erschien nun am 21.01.2012 ein sehr streitbarer Artikel in der Süddeutschen Zeitung, der meiner Ansicht nach den Höhepunkt einer unerfreulichen Meinungsmache darstellt.

Hier einige Artikel  zum Nachlesen

That´s Jazz? – That´s SZ!

Betriebsstörung? Jazz auf Facebook? | Soliloquium

THE GERMAN JAZZDEBATTE « zajakonzerte

Ton & Text: Jazz hat’s. … Nicht. — Der Freitag

That´s Jazz? – That´s Feuilleton! (10)

Junge Musikszene: Jazz aus Deutschland? Hören Sie hier! | Kultur | ZEIT ONLINE

Musikbranche: Wo bleibt der deutsche Jazz? | Kultur | ZEIT ONLINE

Jazznews: Jazz in Deutschland / Jazz in Germany

was_sie_ueber_jazz_wissen_sollten.pdf

Kulturförderung: Jazz zieht vor den Bundestag | Kultur | ZEIT ONLINE

Ein Veranstalter zur überkochenden Jazz-Debatte: „Der Idealist Hornstein hat recht. Aber viele Musiker sind wie Texter ohne Text“ – Kulturvollzug

Morgenröte, Schamesröte: Der „BWM Welt Jazz Award“ lockt immer mehr Menschen aus allen Gesellschaftsschichten an – Kulturvollzug

Lauschangriff: Jazzmusik als kostbares Kulturgut — Der Freitag

Debatte zur Kulturförderung: Auch Jazz hat gesamtstaatliche Relevanz | Kultur | ZEIT ONLINE

Jazz schaut immer nach vorne – Nachrichten Print – DIE WELT – Kultur – WELT ONLINE

Der Artikel mit dem Titel „Betriebsstörung Jazz“ steht leider nur noch im Bezahlarchiv der Süddeutschen zur Verfügung. Wer allerdings nach netter Abendunterhaltung sucht ist gut beraten, die 2€ zu investieren 😉 

In folgendem Artikel

Lernen im Alter: Erwachsene lernen anders als Kinder | Wissen | ZEIT ONLINE

findet sich unter anderem folgendes Schmankerl:

„Für das Klavier gibt es vereinfachte Versionen bekannter Stücke – das verschafft schnelle Erfolgserlebnisse. Und wer Rock oder Jazz spielen möchte, hat auch im fortgeschrittenen Alter beste Aussichten, weil dabei Präzision nicht so wichtig ist.“

In einem Interview mit Helge Schneider, findet man zum Thema Jazz unter anderem dies:

SZ: „Eine neue DVD beweist jedoch, dass Helge Schneider inzwischen auch als einer der größten deutschen Jazzmusiker zu gelten hat.“

SZ: „Louis Armstrong, immerhin der wichtigste Jazzmusiker aller Zeiten, hat höchst anspruchsvolle Musik mit viel Humor auf die Bühne gebracht. Da ist es doch verwunderlich, dass viele Leute immer noch einen Widerspruch zwischen Jazz und Unterhaltung sehen.“

SZ: „Bei “Mood Indigo” spielen Sie zum Beispiel ein ausgedehntes Vibraphon-Solo. Ist das alles komplett improvisiert, jeden Abend?“

SZ: „Nun gibt es zwei populäre Jazzmusiker in Deutschland, Roger Cicero und Till Brönner. Was halten Sie von denen?“

SZ: „Beim Jazz kommt es auf den eigenen Ton an. Wie findet man den?“

SZ: „Die Jazzmusiker, die Sie als Ihre Vorbilder bezeichnen, sind alle schon lange tot. Müssen wir uns darauf einstellen, dass die Ära der großen musikalischen Individualisten vorüber ist?“

Süddeutsche Zeitung Magazin – SZ-Diskothek » Helge Schneider im Interview: “Jazz ist eine Lebensweise”

Einerseits ist es zur Zeit en vogue auf dem Jazz herumzuhacken – eigentlich seltsam, denn andererseits wird überall beschrieben, daß sich dafür sowieso niemand interessiert!?

Eine neue Verschwörungstheorie?

Update 1: Ich erhielt eine eMail-Nachricht von Adrian Kreye (SZ). Der Brief (bzw. was auch immer davon übrigbleibt) wird in der Printausgabe am kommenden Donnerstag in der Rubrik „Forum“ veröffentlicht.

Hier der Leserbrief:

Artikel „Betriebsstörung Jazz“ SZ Feuilleton S.15, 21./22.1.2012 Leserbrief an das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung

Mit großer Verwunderung habe ich den Artikel „Betriebsstörung Jazz“ von Michael Hornstein im SZ Feuilleton vom 21.01.2012 gelesen. Denn er zeichnet ein verzerrtes Bild einer Szene, die es in dieser Form nur in der Einbildung des Autors gibt.

Zunächst wirkt der ganze Artikel so, als habe hier ein Münchner Musiker seine persönlichen Frustrationen zum kennzeichnenden Merkmal der gesamten deutschen Jazz-Szene erklärt. Das mag ja durchaus in Ordnung sein, wenn es als These eines Kommentars gekennzeichnet ist. Der Artikel aber erscheint in seiner Aufmachung und Formulierung wie ein Essay. Er gibt vor, eine analytische und gültige Bestandsaufnahme aus Musikersicht zu sein. Greift die SZ neuerdings auf die fast zufällig erscheinende Einflüsterung lokaler Musiker zurück, deren umfassender Überblick mehr als zweifelhaft ist?

Leser des Feuilletons sollten doch eigentlich fundiert darüber informiert werden, was in der Welt von Kunst und Kultur los ist. Hier jedoch werden Leser, die nicht so tief in der Materie stecken, in die Irre geführt – die Perspektive eines einzelnen Musikers wird zur Expertenmeinung erhoben.

In Hornsteins Artikel wird die Jazzszene weder in Umfang noch Inhalt realistisch analysiert, hier wird auf dilettantischem journalistischem Niveau das Feuilleton zum Frust-Blog eines einzelnen Musikers.

Füllt die SZ durch Veröffentlichung des Hornstein’schen Abgesangs ihre Stellung als einer der Meinungsführer verantwortungsvoll aus? Wenn es Ihnen nicht gelingt, einen solchen Artikel auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt hin zu redigieren, muss man davon ausgehen, dass es derzeit im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung mit der Fachkompetenz und journalistischen Verantwortung nicht weit her ist.

Es bleibt die Frage, welche Motivation die SZ hat, mit solchen Artikeln eine junge, (auch politisch) aktive und florierende Szene zu diskreditieren? Wann haben Sie als Redakteure selbst zum letzten Mal Konzerte junger deutscher Jazzmusiker besucht? Und womöglich flächendeckend die Beobachtungen bewahrheitet gesehen, die Sie Ihren Autor behaupten lassen?

Der Bericht von Hornstein wimmelt nur so von Unwahrheiten und persönlich gefärbten, nicht überprüf- oder nachvollziehbaren Zustandsbeschreibungen, gemischt mit unhaltbaren Vorwürfen gegen ganze Berufsstände. Um die Schädigung der Szene, die der Artikel damit anrichtet, einigermaßen in Grenzen zu halten, bitte, nein fordere ich mit Nachdruck die Möglichkeit einer Replik, in der auf einzelne Punkte eingegangen werden kann.

Dieser Brief wird von derzeit über 100 Professionellen der Jazzszene unterzeichnet (Liste siehe unten)

Mit freundlichen Grüßen, Florian Ross, Lehrbeauftragter Jazz HfMT Köln

 

3 Comments

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3 Responses to Jazz-Debatte

  1. Update 2: der Lesebrief wurde in der heutigen Ausgabe der SZ zusammen mit anderen Leserbriefen abgedruckt. (02.02.2012)

  2. Update 3: Für die, die es interessiert: Die SZ hat den Leserbrief und noch ein paar andere Stimmen für und gegen den Hornstein’schen Artikel in der Rubrik „Forum“ gegenübergestellt.

    Auf der Contra-Seite melden sich : Florian Ross mit einer Unterschriftenliste von Professionellen des Jazz (bis dato ca. 150 Unterzeichner), Claus Reichstaller als Prof. für die Jazzabteilung der Münchner Musikhochschule und Stephan Camphausen (Ruhrjazz).

    Auf der Pro-Seite finden sich Tomas Nittner aus Gauting (Maler), Achim Gätjen (Musiker aus Bremen), Tibor Fredmann (Münchner Heimatschriftsteller), Marco Flammang (hat laut facebook arts & beer in Sussex studiert, Lieblingszitat „Elvis is King“) und Charles Davis (einer der erfolgreichsten Jazzflötisten in Europa. Als Leiter der Weltmusikgruppe „Ensemble Chanchala“, des Ethno-Jazz-Trio „Charles Davis & Captured Moments“ und des Flötenquintetts „Four or more Flutes“…)

    Ich möchte an dieser Stelle wiederum der SZ zu der hervorragenden Recherche der Stimmen zu diesem komplexen Thema gratulieren. Man merkt direkt, daß sich da zwei Gruppen gegenüber stehen, die sich seit Jahren intensiv mit der Materie auseinandersetzen.

  3. Update 4: Der Kölner Stadtanzeiger hat zwar letztens öfter über die „junge Jazzbewegung“ in Köln berichtet, sich auf eine echte „Diskussion“ mit der großen Schwester SZ einzulassen, traut man sich jedoch nicht. Obgleich sich Köln mehr oder weniger als Jazz-Stadt präsentiert/fühlt/behauptet, reagierte der Stadtanzeiger nicht auf einen Hinweis zur brennenden Diskussion rund um die „Verballhornsteinung“ im SZ Feuilleton. Schade.

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