The unnecessary dimension? Well…

Durch einen Kollegen wurde ich neulich auf einen interessanten Blogbeitrag von Moritz Eggert aufmerksam gemacht: Auf seinem „Bad Blog of Musick“, einer Unterseite der nmz online, schreibt Eggert über die Vorteile von Mono vs. Stereo – daher der Titel „The unneccessary dimension“ – die unnötige Dimension.

Da ich mich gerne und viel mit recording und Audiotechnik auf der einen und Musik hören auf der anderen Seite beschäftige (und Musik machen auf der wieder anderen), finde ich diese Thema vor allem auch im Hinblick auf die ziemlich modischen Retrosrisierung der Audiotechnik interessant.
Dieser Trend zum Magnetband, Vinyl, alten Mikrofonen, Synthesizern und altem Equipment generell macht sich selbst im Bereich Film breit. Als Beispiel dafür lohnt es sich, die Rezension der US-Serie „Walking Dead“ auf Amazon zu lesen. Dort heißt es z.B.:

„Blu Ray??? Ich könnt durchdrehen. Absolutes Katastrophenbild. Das sowas überhaupt verkauft werden darf ist wirklich eine Frechheit.
Der Serienabend ist somit gelaufen, diese Qualität kann man sich einfach nicht anschauen.“

„Ich kann jedem nur davon abraten diese blu ray zu kaufen. Die Bildqualität ist wirklich schlecht. Als läge ein grauer Schleier über dem Bild. Es wurden mehrere TV Geräte, Blu ray player und HDMI Kabel verwendet um Fehlerquellen auszuschließen. Es liegt an der Disc.
Hier kann man getrost zur billigeren Dvd greifen…
Eigentlich gehört so ein Produkt sofort vom Markt genommen.“

„Keine meiner über 400 Blu-rays hat eine derart schlechte Bildqualität (und dabei sind auch zig Filme aus den 80ern). Selbst meine alten DVD machen, was die Bildqualität angeht, im Gegensatz zu dieser Version eine bessere Figur.
Das Bild ist total grieselig und flackert, was sehr stark bei hellen Außenaufnahemen auffällt. Das igeht mal echt gar nicht, und frage mich, wo man diese zurückgeben kann.“

Es ist offensichtlich, daß die Macher der Serie ein Art Retro-Look im Sinn hatten: Der Film ist sehr körnig, alles ist mit einer Art Sepiafilter überdeckt (leicht bräunlich), die Farben entsättigt, die Kontraste dafür verstärkt, es gibt große Randabschattungen, etc.

Also auch hier Retro als Stilmittel. Doch ist es die bessere Wahl? Zurück zum Thema.

Eggert schreibt (auf Englisch):

„Even though of course our brain is wired for “stereo surround” mode (because we needed to know if the sabre tooth tiger is before or behind us while hunting in stone-age times) it could be said that this information is actually not necessary when listening to musical sounds. What do we gain by having an electric guitar coming in from the right, or left? What do we learn when sounds come from behind us, above us or below us, except that it might confuse our brain? John Lennon famously preferred the mono version of “Sgt. Pepper” and he had a reason. Many modern mixes of Independent or Jazz music are produced in mono again, on purpose. Some producers long for the old mono “wall of sound” again, for increased intensity of the music.“

Ich meine, wir leben immer noch in einer Welt voll Stereo. Denn wir haben immer noch zwei Ohren. Daß wir heute keine Angst mehr vor Säbelzahntigern haben müssen, verändert nicht die Grundsituation, daß die Ortung eines Klangs wichtig ist und zum allegemeinen Wohlbefinden beiträgt. Wer das im Experiment ergründen möchte, dem empfehle ich, sich an die letzte Erkältung zu erinnern, bei der ein Ohr über Tage zugefallen war. Das Leid über ein zugefallenes Ohr mag wohl unterschiedlich ausfallen, ich empfinde immer eine leichte Panik, wenn dies passiert. Die Vorstellung, ein Ohr „zu verlieren“ löst bei mir wirklich Angst aus.
Eggerts Einstieg in den Text beginnt meiner Ansicht nach gleich mit einem schwachen Argument gegen das räumliche Hören. Aber wir lesen weiter.

„I enjoy 3D and Dolby Surround myself, but I would never think that 3D and Dolby Surround make a good film by themselves, they are just contemporary means to create total immersion, nothing more.“

Reden wir jetzt von Stereo, oder von meterhohen wuchtbrummigen Surroundanlagen im Kino, die mir scheinbar als Grundregel auch noch viel zu laut eingestellt sind? Die oben zitierte „independent“ oder „Jazz“ Musik, die nun bewußt in Mono dargeboten wird, ist in der Filmwelt wohl kaum das Pendant zu „Avatar“ o.ä. in Surround präsentierten Streifen.
Wozu also die Aufregung? Irgendwelche independent Filme werden wahrscheinlich seltenst in Surround oder gar 3D produziert werden – dort finden eher andere (Retro-)Prozesse statt.

„And I would be the first to admit that this “immersion” can be counter-productive when telling a good story, because the immersion actually distracts from what the film wants to tell us.“

Eggert hat hier natürlich Recht! Aber ehrlich gesagt kenne ich keine einzige Jazz oder Independent Aufnahme, wo das Gitarrensolo von links nach rechts flattert o.Ä. Ausnahmslos alle meiner hier aufgestapelten rund 1500 CDs (Jazz, Klassik, you name it…) benutzen Stereo ‚nur‘ als Versuch, einen Raum, der zur Zeit der Aufnahme bestanden hat, für den Hörer wieder darzustellen. Dies gelingt natürlich mal besser, mal schlechter.

Im Übrigen würde ich hier folgendes Experiment vorschlagen: Man stelle sich mit geschlossenen Augen in die Mitte eine Jazzquartets und vergleich den Sound und die damit verbundene Immersion mit einer Stereo-Aufnahme der gleichen Situation. Ich vermute mal, daß sich die Position im Zentrum der Ereignisse anfühlen muß wie ein 3D Film mit surround und sich die Stereo-Aufnahme dazu verhält wie mono zu Stereo. Ist nicht Stereo bereits die einbeinige, humpelnde Version der räumlichen Wirklichkeit? Warum sollte man das andere Bein auch noch abtrennen? Diese Frage wird nicht gestellt.

„When I talk to pop- and film composers they mainly talk about “sound”, not about the strength of their invention, which I would find much more important.“

Natürlich hat Eggert auch hier Recht. Aber worin liegen die Gründe? Hätten die Filmkomponisten heute das budget für ein Orchester, würden – zumindest diejenigen, die wirklich Musik schreiben können – nicht mehr so viel über sound reden. Der ganze sampling- und Studiokram, der heute für Filmmusik benutzt wird, ist eine einzige Geldsparmaßnahme, die es zugegebenermaßen auch wenig talentierten „Komponisten“ ermöglicht, ihren Mist an den Mann zu bringen. Aber wie kann das dazu führen, daß man die Beschäftigung mit Sound und Raum als unnötig bezeichnet? Wird hier nicht die verständliche Frustration über mangelde Qualität und Einfallsreichtum in der Filmmusik vermischt mit einem ganz anderen Thema?

„Somewhere along the search for the perfect sonic realization of music the awareness of the true inner qualities of music has diminished.“

Auch das, sicher. Aber die wahren, inneren Qualitäten von Musik werden meiner Ansicht vor allem an Desinteresse, Geiz und mangelnde Bildung verloren, nur peripher an die Suche nach dem perfekten Sound.

„I’m very much interested in balance, for example, for reasons of clarity. But Mono forces you to get the balance really right, whereas already in stereo you can evade the problem by putting things to the far right and the far left.“

Das stimmt ebenfalls. Aber reden wir von ahnungslosen homerecording-Anfängern? Keine guter Soundengineer praktiziert das o.g. Beispiel bei anspruchsvollen Produktionen. Oder reden wir von anspruchslosen Produktionen, die von Anfängern gebastelt wurden? Schlechte Produktionen gibt es immer und wird es immer geben – aber das ist nicht die Schuld von Stereo.
Oder Reden wir von Blue-Note Aufnahmen aus den 50ern und 60ern? Stereo war damals so neu, daß es vielleicht auch mißberstanden wurde. Und selbst hier könnte man für Stereo argumentieren: Obwohl der alte Links-Rechts sound alter Jazzaufnahmen überhaupt nicht mein Fall ist, bieten sie jedoch eine nicht zu toppende ‚clarity‘. Der Bass ganz links, das Klavier ganz rechts – klarer geht’s nicht.

„Pianos are stereo instruments when you play them, but in a concert they become mono, as the lid projects all notes at once.“

Es gibt keine „stereo instruments“ – jedenfalls it mir keines bekannt. Es gibt nur Instrumente im Raum. Jedes Instrument wird Stereo wahrgenommen, wenn man zwei Ohren hat. Selbst in einem schalltoten Raum hört man eine Oboe stereo – spätestens wenn man den Kopf dreht hört man den Unterschied zwischen dem einen und dem anderen Ohr. Wenn nun noch der Raum dazukommt, wird es deutlich: Wir hören immer stereo!

„Musicians and instrument builders in the past intuitively knew this.“

Welcher „instrument builder“ hat sein Instrument mono konzipiert? Welcher stereo? Hier kann ich nicht folgen. Ist eine Oboe mono? Eine Harfe stereo?

„The greatest old concert halls usually have a unified sound – not stereo, but mono wherever you sit, and with equal audibility.“

Richtig. Es gibt tolle concert halls und weniger tolle. Aber ich bin noch in keinem Konzert gesessen, wo ich aufatmen konnte „Endlich mono! Endlich kein Raumklang mehr!“ Wird hier nicht der Raumklang und die Balance in einen Topf geworden? Kann man nicht beides haben? Kann nicht das eine und/oder das andere gut oder schlecht gelöst sein? Wenn ich in der Kölner Philharmonie in den obersten Reihen sitze und ein Sinfonieorchester höre, hat es mich noch nie gestört, daß ich den Kopf zu den Bässen gewendet habe, wenn diese eine herausragende Stelle gespielt haben. Oder zur Celesta auf der anderen Seite. Noch nie hat es mich gestört, daß ich das Orchester bei geschlossenen Augen orten konnte.
Wohl gestört hat mich jedoch eine mangelnde Balance zwischen den Stimmen und Farben. Doch dies kann viele Gründe haben: die Qualität des Orchesters, die Interpretation des Dirigenten, der Raum…

„All in all I think returning to mono is a valid trend. And whoever doesn’t believe me should listen to the great mono recordings of the great past masters. Thelonious Monk, Dinu Lipatti, Arthur Schnabel, Ginette Neveu, Enrico Caruso… Are we missing any emotional impact when we listen to their tracks, only because they are not “up-to-date” by today’s standards? And is music’s main attraction not exactly this: its emotional impact?“

Jetzt wird es schwieriger. Wie würde heute Thelonius Monk klingen, wie würde er aufnehmen, auf welchem Instrument würde er spielen? Wir wissen es nicht. Die Vergangenheit als Beweis dafür heranzuziehen, daß Mono mehr als ein „trend“ ist, halte ich für schwierig.
Was wir jedoch gesichert wissen, ist, daß zu Zeiten in denen nur Mono aufgenommen wurden konnte, nur Mono aufgenommen wurden konnte.
Die Vorliebe Eggerts für den speziellen Sound von Caruso in knistrirgem Mono wundert mich, wo er doch sagt:

„I often tell my students that ´sound´ doesn’t interest me at all as a composer. […] Are we missing any emotional impact when we listen to their tracks, only because they are not “up-to-date” by today’s standards?“

Wenn man einen Sound gegenüber einem anderen bevorzugt, dann kann das doch nur heißen, daß einen Sound eben doch interessiert. Vielleicht steht Eggert verständlicherweise mit dem „up-to-date“ Wahn auf dem Kriegsfuß? Das tue ich auch. Aber ist Stereo ein up-to-date Wahn, oder nur der bedingt erfolgreiche Versuch, eine immer um uns herum bestehende Räumlichkeit nachzubilden?

„Whenever I’m touched by a current piece of music I know exactly that it isn’t because of its sound at all, but because of its content.
Bring back mono any time, brother. I certainly wouldn’t give a damn.“

Wenn also sound egal ist, warum dann der Eggert’sche Text? Ich glaube, Eggert ärgert sich hierüber:

„We should rather worry about not trusting the emotional impact of our current music anymore, which apparently is so weak that we have to support it with high-end “fidelity”, SACD quadrophonic-multi-surround-state of the art replication.“

Er ärgert sich über mangelnden „content“, über die „weakness“ der aktuellen Musik – und hier gebe ich ihm uneingeschränkt recht. Hierüber kann man sich trefflich ärgern und auseinandersetzen. Aber die Diskussion um das böse Stereo ist ein Nebenkriegsschauplatz, der eher dazu führen kann, daß die trendige Retrogläubigkeit nur zu einem weiteren Puzzlestein in der Ablenkung vom eigentlichen Inhalt von Musik werden kann.

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