WDR5 Zwischenmusik, die Zweite

26.02.2012, 09:56 Uhr Sonntag morgen. Gerade aus der Dusche raus, in der Küche beim Tomaten schneiden. Der Griff zum Radioschalter: WDR5 ist voreingestellt (hatte vergessen, daß gleich die Gottesdienstübertragung beginnen würde) – es läuft ein Osteuropamagazin. Ich erwische gerade noch die letzten zwei Minuten, bevor sich der Moderator verabschiedet… und dann? All hell breaks Loose…

Ich höre ein Rhodes und Schlagzeug und einen E-Bass und schon wieder den verräterischen Fusion-Samba Groove und ein paar programmierte Cabasas, nervöse Congas… und dann? Nein, leider kommt dann keine gut gemeinte aber schlecht gemachte Smooth-Jazz Melodie, sondern „Night & Day“. Natürlich in der „Realbook-Version“, schön mit den abgelesenen Akkorden, die irgendwer einmal aufgeschrieben hat. Immer hübsch gleich, immer schön grauslich. Ich werde gedanklich in eine JamSession auf dem Lande katapultiert (1994), wo angehende Abiturienten und local heros um die Wette Night & Day, Misty und Take Five kloppen. Auf den Tischen stehen „Bananenweizen“ und an den freundlich gelb gestrichenen (Strukturputz-) Wänden hängen Wurzeln und Plastik-Efeu zur Dekoration. Der einzige Unterschied liegt darin, daß die Pat Methenys von Finnentrop niemals so exakt spielen würden, wie die Percussion aus dem Computer.

Es ist kaum zu glauben, daß sich die Seite jazzdimensions.de tatsächlich die Mühe gemacht hat, die CD zu besprechen, von der dieses Unheil stammt. Dort heißt es unter anderem:

Improvisieren ist seine Sache nicht, auch Live-Auftritte sind dem autodidaktischen Keyboard-Spieler Wolfgang Mitschke völlig fremd, seine Musik spielt sich einzig und allein zwischen Studiowänden ab. Er selbst bezeichnet sie als „Smooth-Jazz mit poppigem Einschlag“. Das ist mutig, denn es gibt sicher nur Wenige, die ohne Folter zugeben würden, dass sie so etwas hören … außer gezwungenermaßen, in Fahrstühlen und ähnlichem.

http://www.jazzdimensions.de/reviews/jazz/2005/mitschke_dietz_night.html

So richtig schlimm wird es aber erst, wenn das Saxophon-Solo beginnt. Die ersten paar Sekunden davon denke ich, „wow, der kann ja sogar spielen“… Aber es wird schnell klar, daß ich mich teilweise irre. Teilweise deshalb, weil der Sound stark an Mike Brecker erinnert und auch das Timing ganz gut ist. Sogar die Platzierung der Phrasen ist OK – nur leider wählt der Saxophonist die auswendig gelernten Brecher-Licks in den falschen Tonarten. Zuerst dachte ich, „ups, verrutscht“, aber leider liegt nun jedes zweite Pattern um eine paar Tonarten daneben. Aua. Schade eigentlich. Im Studio (denn live wird diese Musik nicht gespielt) hätte man hübsch jede Phrase korrigieren können, wenn man es denn gehört hätte.

Nun, wieder einmal muß ich an dieser Stelle sagen, daß natürlich jeder jede Musik machen darf. Und jeder darf damit Geld verdienen. Das ist alles OK.

Nicht OK ist jedoch, daß irgendjemand bei WDR5 es mit einer geradezu schlafwandlerischen Sicherheit schafft die auf die perfideste Art übelsten Zwischenmusiken auszuwählen. Perfide deshalb, weil diese Musik meist ganz ordentlich produziert wurde, d.h. man hört als „normaler“ Nutzer nicht sofort, wie grauenhaft sie wirklich ist.

Lieber WDR5, „Night and Day“ its OK, Fusion ist OK, Brecker ist OK, Rhodes ist OK – aber warum einen halb garen Abklatsch? Warum nicht jemanden wählen, der solche Musik „gut“ gemacht hat? Warum nicht Lee Ritenour oder David Sanborn, Chick Corea Electric Band, Vital Information, Spyro Gyra, Koinonia, Dave Weckl, Scott Henderson wenn’s denn leicht zu hörende Fusion sein soll? Man könnte die Liste endlos fortsetzen. Wenn’s Standards in unverfänglichen „Originalversionen“ sein sollen, darf es auch Wynton Kelly sein, oder Bill Evans. Oder warum nicht Steps Ahead mit Bendik (der hört sich auch ein wenig an wie Brecker) oder warum nicht gleich Brecker?

Ich begreife es nicht.

 

 

 

 

 

 

 

http://www.jazzdimensions.de/reviews/jazz/2005/mitschke_dietz_night.html

1 Comment

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One Response to WDR5 Zwischenmusik, die Zweite

  1. Thea

    Mittlerweile haben wir das Jahr 2017, und die Zwischenmusiken beim Wdr5 sind nach meinem Empfinden und meinem Gedächtnis noch um einiges schlimmer geworden. Sobald ich da Musik höre, mache ich sofort das Radio aus, weil die einfach unerträglich ist. Da hört man viertaktige Kadenzen, die ständig wiederholt werden, dazu irgendwann eine Melodie, die ungefähr so mitreißend klingt wie eine Tonleiter, die dann auch immer wiederholt wird. Es gibt Variationen in der – stets scheußlichen – Klangfarbe, und es werden noch nacheinander weitere Schlagzeuge zugeschaltet. Selbst in der Harmonielehre für Musikstudenten (ich meine jetzt NICHT die Kompositionsklasse) werden anspruchsvollere Werke produziert. Und diese WDR5-Musik erkennt man immer sofort an dem monotonen und völlig unsensiblen Schlagzeug. Ich verstehe nicht, wie sich jemand sowas freiwillig anhoren kann.

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