Hans Zimmer, the Market and Jazz
Hans Zimmer, Erfolg und die Verwechslung von Inhalt und Markt
Durch einen Hinweis von Paul Shigihara (ehem. Gitarrist der WDR Big Band) bin ich auf einen Text des US-Komponisten Michael Levine gestoßen: Why Hans Zimmer got the job you wanted (and you didn’t). Levine, langjähriger Mitarbeiter von Hans Zimmer, versucht darin, die anhaltende Kritik einer der bekanntesten Filmkomponisten der Gegenwart zu entkräften.
Mich interessiert der Text nicht, weil er Zimmer verteidigt, sondern weil er (bewusst oder unbewusst) zwei Sphären vermischt, die man grundsätzlich auseinanderhalten sollte:
Musik, Kunst, immaterieller Wert
Markt, Geschäft, ökonomischer Erfolg
Diese Trennung scheint immer schwieriger zu werden. Kritik am Inhalt wird heute oft mit wirtschaftlichen Argumenten beantwortet, und kaum jemand bemerkt, dass dabei der Gedanke selbst verloren geht.
Wenn Musiker von Hans Zimmer sprechen, fallen meist die bekannten Vorwürfe: Er schreibe nicht selbst, sei kein „echter“ Musiker, seine Assistenten erledigten die eigentliche Arbeit. Levine hält dagegen: Zimmer sei ein genialer Dramatiker, arbeite härter als jeder andere, wisse genau, was funktioniere. Doch fast alle diese Verteidigungen beziehen sich nicht auf Musik, sondern auf Effizienz, Instinkt und Produktivität – also auf den Markt, nicht den Inhalt.
John Williams etwa wird selten damit verteidigt, wie viele Mitarbeiter er beschäftigt oder wie lange er arbeitet. Seine Kompositionen stehen für musikalischen Wert jenseits von Umsatz oder Bekanntheit. Dass sich so etwas bei Zimmer kaum noch trennen lässt, ist Symptom einer Zeit, in der Erfolg als Beweis für Qualität gilt.
Levine schreibt über Zimmers Fehlstellen: His knowledge of academic theory is, by intention, limited.
Dieser Satz ist bezeichnend. Man verteidigt mangelnde Bildung als künstlerische Tugend – ein Phänomen, das weniger mit Musik als mit Selbstrechtfertigung zu tun hat. Es spielt natürlich keine Rolle, ob jemand die Zwölftontechnik auswendig kennt; wohl aber, ob jemand das Bedürfnis hat, über den Tellerrand der eigenen Routinen hinauszuschauen.
Dass Zimmers Musik im Filmkontext funktioniert, lässt sich schwer bestreiten. Aber dramaturgische Tauglichkeit ist kein Maßstab für musikalische Substanz. Ein talentierter Sounddesigner könnte einen Film ähnlich wirkungsvoll untermalen – das machte ihn noch lange nicht zu einem Komponisten.
Das eigentliche Problem besteht darin, dass wir gelernt haben, Marktkompetenz mit künstlerischer Qualität zu verwechseln. Diese Ungenauigkeit begegnet einem überall, auch in der Kulturpolitik, die Vielfalt predigt und Verlässlichkeit belohnt. Immer weniger Künstler bekommen immer mehr Aufmerksamkeit, immer häufiger wird Erfolg zum Inhalt erklärt. Es ist bequemer, Bewährtes zu fördern, als Unbekanntes zu riskieren.
So wächst eine Generation heran, die Unterschiede kaum noch wahrnimmt. Es wird kopiert, was funktioniert, nicht was gut ist. Vielfalt wird zu anstrengend, ökonomischer Erfolg ersetzt künstlerische Neugier.
Dabei geht es nicht darum, Erfolg zu verteufeln oder Virtuosität zu idealisieren. Es geht um die Fähigkeit, beides zu unterscheiden. Denn erst, wenn man Inhalt unabhängig vom Markt betrachtet, entsteht die Freiheit, Kunst wieder um ihrer selbst willen zu denken.
Vielleicht wäre das eine lohnende Frage für viele Künstler – und für manche Kulturverwalter gleich mit:
Was ist mir wichtiger – die Anerkennung eines Kollegen, oder die einer Finanzabteilung?
Die Antwort darauf könnte entscheiden, was von uns bleibt, wenn der Markt längst weitergezogen ist.
P.S. John Williams war übrigens einmal Jazzpianist.